Filmplakat „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ © Warner

"Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"

Starkes Buch, schwächerer Film
Porträt Sophie Schmidt. Foto: Helmut Fricke, © Fritz Bauer Institut
23. Dezember 2019Sophie Schmidt

Carole Link hat Judith Kerrs Roman "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" verfilmt. Angekündigt wird er als "Weihnachtsfilm für die ganze Familie". Kinostart ist am 25. Dezember. Sophie Schmidt aus unserem Bildungsbereich hat den Film unter die Lupe genommen und mit der Romanvorlage verglichen.

Der Film beginnt vielversprechend. Die neunjährige Anna, grandios besetzt mit Riva Krimalowski, versteckt sich auf einer Kinder-Faschingsfeier mit ihrem rosa Kaninchen-Kuscheltier unter einem Tisch. Uniformierte Hitlerjungen nehmen ihr das Kuscheltier ab und werfen es sich gegenseitig zu, bis Annas Bruder Max (gespielt von Marinus Hohmann), als Zorro verkleidet, sich mit ihnen prügelt. Was Anna später feststellt: die Hitlerjungen waren gar nicht verkleidet.

Starker Auftakt, anderer Ton

Riva Krimalowski als Anna mit ihrem rosa Kaninchen
Riva Krimalowski als Anna mit ihrem rosa Kaninchen (Filmstill) © Warner Bros. Entertainment

Die spannungsreiche erste Szene weicht ab vom Roman und eignet sich für einen Film eher als der leise Einstieg des Buches. Doch leider kann der Film seine anfängliche Spannung nicht aufrechterhalten. Obwohl die Regisseurin sonst nah an der Romanvorlage bleibt, trifft sie auch nicht den charmanten, warmherzigen Ton von Judith Kerr, der bereits auf der ersten Seite deutlich wird: "[Anna] war neun, aber klein für ihr Alter, und die Enden des Schals hingen ihr beinahe bis auf die Knie. Der Schal bedeckte auch Mund und Nase, sodass nur die grünen Augen und ein Büschel dunkles Haar von ihr zu sehen waren."

Kerr veröffentlichte die Geschichte mit autobiographischen Zügen 1971 zunächst auf Englisch. Der Roman gilt bis heute als ein Kinder- und Jugendbuchklassiker.

Die Leichtigkeit, mit der im Buch die Jahre der Flucht vor dem Hintergrund der ersten Jahre des Nationalsozialismus aus Annas Perspektive erzählt werden, bleibt hingegen auch im Film präsent. Ohne die Romanvorlage zu kennen, mag das beschönigend wirken. Tatsächlich bleibt der Film hier ganz nah an Judith Kerrs Fiktionalisierung ihrer eigenen Fluchtgeschichte. Auch diese ist von einem tiefen Optimismus durchzogen. Der Film ist ebenso wenig wie der Roman in erster Linie eine Geschichte über die Gräuel der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Vielmehr geht es um eine Flucht, die für Anna voller Abenteuer und Herausforderungen steckt. Zum Glück hat sie ihre Familie, die für sie stets einen sicheren Hafen darstellt.

Dorothea Kemper (gespielt von Carla Juri), Filmstill © Warner Bros. Entertainment

Gelungen ist im Film außerdem die Darstellung einer wohlhabenden Familie, die im Zuge der Flucht immer mehr Entbehrungen hinnehmen muss. Deutlich wird das vor allem an der Figur von Dorothea Kemper (gespielt von Carla Juri), die sich in Berlin als Musikerin zwischen ihrem Klavierflügel und der Welt der Konzerthäuser bewegt und im Exil in Frankreich tapfer kochen und stricken lernt. Auch die Schwierigkeiten der Kinder, sich immer wieder auf neue Situationen, neue Sprachen und Gepflogenheiten einstellen zu müssen, werden überzeugend vermittelt.

Die Handlung

Wiedersehen der Familie Kemper, Filmstill © Warner Bros. Entertainment

Buch und Film beginnen im Februar 1933 in Berlin. Arthur Kemper (gespielt von Oliver Masucci), ein berühmter Theaterkritiker und Publizist, wird als Oppositioneller und Jude verfolgt. Kurzentschlossen flieht er nach Prag und trifft dann seine Familie noch vor den Reichstagswahlen im März 1933 in der Schweiz wieder. Auf dem Land verbringen sie ein Jahr in der Pension Zwirn, deren Gastwirtsfamilie den Kempers sehr wohlgesonnen ist. Anna besucht mit der Tochter des Hauses die Dorfschule, während der Bruder Max auf eine höhere Schule nach Zürich geht.

Arthur findet kaum Möglichkeiten, seine Artikel zu veröffentlichen, da die Zeitungen in der Schweiz auf Neutralität gegenüber dem Deutschen Reich bedacht sind. In der Hoffnung, in Paris mehr Aufträge zu erhalten, zieht die Familie weiter. Hier beginnt für die Kinder von neuem das Einleben in eine andere Umgebung und das Erlernen einer neuen Sprache. Just in dem Moment, als sie die ersten Hürden genommen und auch in der Schule Erfolge haben, erhält der Vater einen vielversprechenden Filmauftrag in London und die Familie zieht zum dritten Mal um. Im Film ist die Zeit gerafft und einige Szenen sowie Nebenfiguren zusammengelegt bzw. verändert worden; bei der Handlung und den Hauptrollen folgt die Regisseurin Caroline Link jedoch überwiegend der Romanvorlage.

Der Film traut den Zuschauenden nichts zu

"Als Hitler das rosa Kaninchen stahl", Filmplakat © Warner Bros. Entertainment

Konflikte zwischen den Geschwistern und mit den Eltern gibt es im Buch wie im Film. Während der familiäre Zusammenhalt im Buch überzeugt, wirkt er im Film bisweilen aufgesetzt und pathetisch. Das rührt zum einen daher, dass Carla Juri es in der Rolle der Mutter bis zum Ende des Films nicht gelingt, die Herzlichkeit und unbedingte Parteinahme für ihre Kinder so zu verkörpern, wie sie im Buch geschildert wird. Zum anderen wird die harmonische Einheit der Familie effektvoll auf die Spitze getrieben. Etwa bei der Wahl des Eiffelturms als Kulisse, auf dem die Eltern ihre Kinder über die Weiterreise nach London informieren. Sie nehmen die Nachricht zwar nicht widerstandslos auf. Schließlich blicken doch alle Vier geeint bei melodramatischer Musik über das Geländer hinweg auf Paris und in die Ferne.

Der Film traut den Zuschauenden nichts zu. Alles wird ausgesprochen, kaum etwas bleibt uneindeutig. Die Eindeutigkeit gepaart mit beschaulicher Musik und langen Landschaftseinstellungen – besonders bei den Szenen in der Schweiz – ist phasenweise schlicht langweilig. Dass ein Film für Kinder mit ähnlicher Thematik durchaus vielschichtiger sein kann, zeigt z.B. Fannys Reise von Lola Doillon (2016).

Orthodoxe Juden dürfen nicht fehlen

Auch im Blick auf das Judentum bleibt der Film im Gegensatz zum Buch einfältig. In der Romanvorlage sagt ein säkularer Vater, der seinen neun- und elf-jährigen Kindern erst im Zuge der bevorstehenden Flucht unterbreitet, dass sie jüdisch sind: "Die Juden sind über die ganze Welt verstreut und die Nazis erzählen schreckliche Lügen über sie. Es ist daher für Menschen wie uns sehr wichtig zu beweisen, dass sie Unrecht haben." Im Film hingegen erklärt Alfred seinen Kindern: "Wir Juden [leben] über die ganze Welt verstreut und die Nazis verbreiten ganz schreckliche Dinge über uns."

Was zunächst wie eine Spitzfindigkeit wirken mag, hat doch Auswirkungen auf die Anlage der Geschichte, für das Verständnis der nationalsozialistischen Judenverfolgung und letztlich auch auf den Blick auf Jüdinnen und Juden heute.

Im Buch wird die jüdische Zugehörigkeit der Familie durchgängig im Verhältnis zu ihrer Verfolgungssituation thematisiert: Alfred bringt seinen Kindern bei, dass sie ehrlicher, fleißiger, großzügiger sein müssen, um stereotype Vorurteile gegen sie als Juden zu entkräften; in der Eingangsszene erklärt Anna ihrer Freundin mit Blick auf ein Hitlerplakat ihre jüdische Herkunft. Sie stellen dann gemeinsam fest, dass niemand aus Annas Familie eine krumme Nase hat – außer der Haushälterin Bertha, die sie sich einmal gebrochen hat; Dorothea tritt energisch gegenüber einem nichtjüdischen deutschen Ehepaar im Gasthaus Zwirn auf, weil diese ihre Kinder aus antisemitischen Ressentiments nicht mit Max und Anna spielen lassen; und eine schwerhörige Großtante in Paris hört bei Annas Namen Hannah und freut sich im selben Atemzug über ihren "gute[n] jüdische[n] Namen". Daraufhin stellt Anna das Missverständnis ihren Namen betreffend klar.

Identitätsfragen

Während im Buch die jüdische Zugehörigkeit also nicht Teil der familiären Selbstbeschreibung ist, weicht der Film hier deutlich von der Romanvorlage ab. Verfolgungsgrund und Selbstverortung sind spätestens im dritten Teil, der in Paris spielt, identisch. In Alfreds Pariser Arbeitszimmer steht eine Menora; er besucht mit seiner Tochter eine Synagoge, in der betende orthodoxe Juden mit langen Bärten eingeblendet werden. Die Zeitung, für die er schreibt, ist eine jüdische Exilzeitung; in der Redaktionssitzung wird Kippa getragen. Zwar feiern sie hier wie da Weihnachten, anders als im Buch stellt Anna im Film das jedoch infrage: "Warum feiern wir eigentlich Weihnachten, wenn wir doch Juden sind?"

Eine Deutung der hier beschriebenen Abweichung von der Romanvorlage, wäre, dass die Familie sich mit der Fremdzuschreibung als Juden desto stärker identifiziert, je länger Flucht und Verfolgung andauern. So, wie es tatsächlich im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung bei säkularen als Juden Verfolgten mitunter der Fall war. Vermutlich hatte Charlotte Link hier aber auch ein Bedürfnis ihres Publikums im Blick, Jüdischsein visuell zu erkennen, um letztlich die Differenz zwischen einem "Wir" und "den Juden" aufrechterhalten zu können. Folglich gehören zu jüdischen Protagonisten dann Marker wie Menora, Kippa und betende orthodoxe Juden. Der Film verliert hier im Gegensatz zum Buch. Denn die Lektüre des Buches kann zum Verständnis darüber beitragen, dass die Fremddefinition nicht eins sein muss mit der Selbstdefinition der Betroffenen.

Fazit

Buchcover von "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"
Stärker als der Film? Unsere Kollegin Sophie Schmidt gibt der Buchvorlage den Vorzug.

Mein persönliches Fazit: Vor die Wahl gestellt, würde ich mich immer für den Roman entscheiden. Denn nur hier findet sich, was dem Film leider fehlt: der warmherzige, charmante Stil, eine durchgängig aufrechterhaltene Spannung einer differenziert erzählten Geschichte und schließlich auch der zuletzt genannte aufklärerische Aspekt.

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