"Darum sind wir verpflichtet"

Die Survivors' Haggada und das erste Pessach nach der Schoa
Dennis Eiler
07. April 2020Dennis Eiler

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entwarf ein litauischer Hebräischlehrer eine Haggada für die Überlebenden der Schoa. Durch das Engagement eines amerikanischen Militärrabbiners konnte ihre Fertigstellung und Anwendung verwirklicht werden. Entstanden ist ein außergewöhnliches Zeitzeugnis, dessen Botschaft und Geschichte wir Euch näher vorstellen wollen.

Am 14. April 1946 berichtete die New York Times davon, dass zum ersten Mal seit der Naziherrschaft in Europa wieder Matzen gebacken wurden. Einen Tag später begann das erste Pessach-Fest nach dem Ende der Schoa.

Ein außergewöhnlicher Seder-Abend

Foto des amerikanischen Militärrabbiners Abraham Klausner (1915-2007), um 1946
Rabbi Abraham Klausner (1915-2007) ca. 1946 © Amos Klausner.

Bei einem Seder-Abend im Deutschen Theater Restaurant in München kamen unter der Leitung des amerikanischen Reformrabbiners und Militärgeistlichen Abraham Klausner (1915-2007) etwa zweihundert Teilnehmer zusammen, um den Feiertag zu begehen. Bei den Gästen handelte es sich um Überlebende der Schoa, Repräsentanten der amerikanischen Einheiten sowie Angehörige von Regierungs- und Hilfsorganisationen.
In den Jahren von 1945-49 wurde das besiegte Deutschland ungeplant zum vorübergehenden Zufluchtsort für etwa eine Viertel Million Holocaust-Überlebende, überwiegend aus Osteuropa. Die traumatisierten und staatenlosen Displaced Persons (kurz DPs) wurden in Lagern untergebracht und erwarteten eine Entscheidung der Besatzungsmächte und der übrigen Weltgemeinschaft zu ihrem künftigen Verbleib.

Klausner begleitete die amerikanische Armee bereits bei ihrem Eintreffen in Deutschland in den letzten Tagen des Krieges. Der Rabbiner war einer von vielen einflussreichen Akteuren, die die Zukunft jüdischen Lebens weder in Europa, noch in den Vereinigten Staaten sahen. Er hielt es wie viele andere für die beste Lösung, die teils unschlüssigen, teils abgeneigten Flüchtlinge zur Ausreise nach Palästina zu bewegen.

Klausner bemühte sich nach der Befreiung um eine schnelle und möglichst unabhängige Selbstorganisation der DPs. Mit seiner Hilfe veröffentlichte das Zentralkomitee der befreiten Juden die ersten Listen mit Namen jüdischer Überlebender mit dem Titel Sherit HaPletah (Rest der Übriggebliebenen). Außerdem setzte er sich für die Herstellung einer ungewöhnlichen Haggada ein, die das traditionelle Festmahl zum Auftakt von Pessach (Seder) begleiten sollte. Eine Haggada ist ein handliches Heftchen, das die rituelle Festordnung mit liturgischen Texten und Liedern für die Pessach-Feierlichkeiten enthält und ist oft dekorativ ausgestaltet. An dem besagten Sederabend in München bedienten sich die Teilnehmer der zu diesem Zweck gefertigten Survivors‘ Haggada, die als "Ergänzung zur Pessach-Haggada" benannt ist.

Von Überlebenden für Überlebende

Titelblatt der Survivors‘ Haggada von 1946
Titelblatt der Survivors‘ Haggada: "Ergänzung zur Pessach-Haggada" herausgegeben von der Histadrut Ha-Zionit Ha-Achida (Vereinigte Zionistische Organisation) und NoChaM (Vereinigte Pionier-Jugend), München 1946 © Jüdisches Museum Frankfurt

Im frühen Nachkriegsdeutschland war die Anfertigung einer Haggada kein leichtes Unterfangen: Levi Shalit war ein Überlebender aus Litauen und Mitherausgeber der jiddisch-sprachigen Wochenschrift Unzer Veg. Er berichtet davon, wie er von Militärrabbiner Klausner nach Frankfurt am Main geschickt wurde und dort im Stempel Publishing House eine hebräische Drucktype auftreiben konnte. Shlomo Shafir, damals Vorsitzender der Kultur- und Bildungsabteilung der Vereinigten Zionistischen Organisation, die bis zum November 1945 hebräische und jiddische Drucktypen sicherstellen konnte, gab den Druck der Haggada im Münchener Verlagshaus Bruckmann K.G. in Auftrag. Bezahlt hat er die Produktion mit Lebensmitteln und Zigaretten – einer nicht unüblichen Währung im Europa der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Urheber dieses Büchleins ist der litauische Lehrer und Autor Yosef Dov (Bär) Sheinson (1907-1990). Er hatte mehrere Zwangsarbeitslager nur knapp überlebt und hielt sich zu jener Zeit im DP-Lager in Landsberg bei München auf. Mit seiner "Ergänzung zur Pessach-Haggada" versuchte Sheinson eine ganz bestimmte Botschaft an die Anwesenden dieses Mahls und darauffolgender Pessachfeste zu übermitteln: Er fordert "den Rest der Übriggebliebenen" dazu auf, das europäische Exil und damit die von Kriminalität und Hunger geprägten DP-Lager zu verlassen und nach Palästina zu gehen. Zu diesem Zweck hat er die Zusammenstellung traditioneller Texte durch gezielte Auslassung ganzer Abschnitte oder einzelner Worte absichtsvoll redigiert. Durch Hinzufügungen zeitgenössischer und eigener Texte auf Hebräisch und Jiddisch und durch sprechende gestalterische Mittel vergleicht er den Kampf ums Überleben in den Konzentrationslagern mit der Zeit der Sklaverei der Israeliten in Ägypten.

"In jeder Generation soll sich der Mensch betrachten, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen."

Blatt aus der Survivors Haggada mit Verzierungen am Rand
Die jiddische Übersetzung eines Texts von Berl Katznelson (1887 – 1944) hat Yosef Dov Sheinson (1907-1990) mit detailreich geschmückten und aussagekräftigen Umrandungen versehen. Von rechts nach links bildet er die Geschichte Israels von der Volkwerdung bis in die Gegenwart ab und schließt darin die Schrecken der Schoa mit ein. München 1946 © Jüdisches Museum Frankfurt

So bildet beispielsweise die Gestaltung einer Textumrahmung innerhalb des Drucks die Geschichte der Israeliten von ihrer Ankunft in Ägypten mit den dort erlittenen Leiden ab und führt diese mit Szenen aus dem KZ fort. Zum Ende des Rahmens hin erreichen die Geplagten per Schiff das neue Heimatland, beginnen den Neuaufbau und führen die Erzähltradition vom Auszug aus der Sklaverei fort. Die Szenen wechseln sich ab mit Elementen des Pessach-Fests und Symbolen der neuen Heimat am Mittelmeer. Der umrahmte Text wurde ein Jahr später in Tel Aviv auf Hebräisch veröffentlicht und stammt ursprünglich von Berl Katznelson (1887 – 1944), einer zentralen Figur der Zweiten Aliyah und zwischenzeitlich Führer der zionistischen Arbeiterbewegung. Sheinson hat den Text für die Teilnehmer des Seders in München ins Jiddische übersetzt – die Sprache, die die meisten verbliebenen Juden Europas teilten.

In diesem gerahmten Text heißt es zum Schluss: "Gibt es denn eine literarische Schöpfung, die mehr zum Ekel vor der Knechtschaft erzieht, mehr zur Freiheitsliebe, als die Geschichte von der Versklavung und dem Auszug aus Ägypten? Gibt es denn eine alte Erinnerung, die so sehr als Symbol für die Gegenwart und die Zukunft dient wie die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten? Welch ein Drang nach Freiheit liegt im Herzen eines Volkes, das in seiner Frühzeit eine derart geniale Schaffung kreieren konnte und sie von Generation zu Generation überlieferte!"

Auf einer anderen Seite befindet sich eine Textstelle, die bereits in der Mishna zu finden ist und die Grundlage von Katznelsons Text bildet: "In jeder Generation ist der Mensch verpflichtet, sich so zu betrachten, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen." Der Abschnitt in der Mishna und in traditionellen Haggadot fährt hier üblicherweise fort: "Denn es heißt, (Ex 13,8): Und tue kund deinem Sohne an demselbigen Tage mit den Worten: Um deßwillen, was der Ewige mir getan, als ich aus Mizrajim zog." Diesen Teil streicht Sheinson aus seiner Version.

Seite aus der Survivors Haggada
linke Seite: "In jeder Generation ist der Mensch verpflichtet, sich so zu betrachten, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen." rechte Seite: "Sklaven waren wir dem Pharao in Ägypten"; Der Originaltitel des Drucks lautet "Wir gruben Gräben in einem endlosen Kreis". Mit der Wahl seines Künstlernamens "Ben Benjamin", mit denen er die Drucke signiert, betont Miklós Adler (1909-1965) zusätzlich seine jüdische Identität. München 1946 ©Jüdisches Museum Frankfurt

Der erste Buchstabe des Textes, das Bet, das auch den Text der Tora eröffnet, umfasst die übrigen Zeilen. In seiner oberen Leiste birgt der rahmende Buchstabe eine Darstellung Ägyptens. Man erkennt sandigen Boden, eine Palme, Pyramiden und die gleißende Sonne. In der unteren Leiste sind die KZ dargestellt: Ein Wachturm an einem Stacheldrahtzaun, Schornsteine und Flammen. Auch das Wort "Brausebad" würde mit diesem Buchstaben beginnen, der hier in seiner rechten Leiste die Abbildung einer Tür mit der Aufschrift "Bad" trägt. Die Umrahmung des Texts besteht dagegen aus feierlichen Motiven, die ein fruchtbares und reichhaltiges Leben versinnbildlichen – Blumen, Bäche und Weintrauben. In diesem Gestaltungskonzept kommt auf sehr deutliche Weise zum Tragen, was sich durch das gesamte Werk zieht: Sheinson schafft eine Parallele zwischen der Zeit der Sklaverei in Ägypten und der Gefangenschaft in den Lagern Europas und integriert diese neue Erinnerungsebene in die Festtagsordnung zum Sederabend.

Ikonenhafte Negative eines kollektiven Gedächtnisses

Eine weitere Besonderheit an dieser Haggada sind die dunklen, expressiven Holzschnitte, die in der Druckschrift abgebildet sind. Sie stammen vom ungarischen Künstler Zvi Miklós Adler (1909-1965) und gehören zu einer 16-teiligen Serie, die schon 1945 in Debrecen (Ungarn) in kleiner Auflage veröffentlicht wurde. Mit den umherwandernden DPs kamen die Drucke von Ungarn nach München, wo Sheinson sieben Bilder für sein Arrangement auswählte.

Bis zur Besatzung Ungarns durch deutsche Truppen war Adler Kunstlehrer an der jüdischen Hochschule in Debrecen und illustrierte als Gestalter vor allem Gedichte oder schuf Gemälde mit biblischen Motiven. Nach Auschwitz verschleppt, entging er dort nur knapp der Selektion und überlebte einen der berüchtigten Todesmärsche. Am 8. Mai 1945 wurde der schwer misshandelte Künstler durch das Eintreffen der russischen Streitkräfte aus Theresienstadt befreit.

Besonders erstaunlich finde ich, dass er noch im selben Jahr schöpferischen Ausdruck für seine Erlebnisse fand und darüber hinaus einen Weg, das Ergebnis zu veröffentlichen. Die Szenen Adlers zeigen Situationen aus dem Alltag in den Konzentrationslagern, Bilder mit denen sich das Gros der Überlebenden der Schoa identifizieren konnte und die auf die Teilnehmer jenes Seders wie leidvolle Ikonen gewirkt haben mussten.

Die Holzschnitte von Miklós Adler

Ob Miklós Adler von der Verwendung seiner Schnitte in der Haggada wusste, ist nicht überliefert, war aber sicher im Sinne des Künstlers. Beim Holzschnittverfahren kann der Druckvorgang beliebig oft wiederholt und das Bild so in großer Zahl, unter geringen Kosten und mit kleinem Aufwand reproduziert werden. Daher eignet sich dieses Verfahren besonders gut zur Anfertigung von Serien oder Blättern mit hoher Auflage. Sicher lässt sich in der Wahl dieser Methode das Bedürfnis und die Intention des Künstlers ablesen: Seine in Bildern erzählte Geschichte der erlebten Grauen sollte sich möglichst weit verbreiten und möglichst vielen Betrachtern zugänglich sein. Doch auch stilistische Beweggründe liegen nahe, denn das Verfahren des Weißlinienschnitts bringt gewisse formgebende Eigenheiten mit sich. Die Farbgebung ist beschränkt auf ein Hell-Dunkel-Verhältnis, auf die Darstellung von Details und feiner Verläufe muss verzichtet werden. Die durchaus dynamischen Formen seiner Darstellungen bleiben archaisch, primitiv und eindeutig. Adler arbeitete besonders die farbgebenden Flächen heraus, was den Bildern eine ihrem Inhalt angemessene Düsterkeit verleiht – fast wirken sie wie Negative.

In seinem Vorwort, das der Serie in vier Sprachen (Ungarisch, Hebräisch, Englisch und Russisch) vorangestellt ist, schreibt er: "Meine Werkzeuge, ich weiß, sind bescheiden und altmodisch. Mein Stil, ich weiß, ist arm. Jedoch muss ich, was auf diesen Seiten folgt, erzählen."

In der Haggada hat Sheinson die Abbildungen mit Unterschriften versehen, die der klassischen Pessach-Liturgie entstammen, so als stünde zwischen den Holzschnitten und der Bildunterschrift jeweils die geläufige rabbinische Formel "שנאמר" (= "denn es heißt"), die scheinbar unzusammenhängende Sachverhalte zueinander in Beziehung setzt. Auf diese Weise schafft er durch ein weiteres Mittel die direkte gedankliche Verbindung der jüngsten historischen Ereignisse mit der Jahrtausende zurückreichenden jüdischen Tradition.

Dokument einer unsicheren Zeit

Cover der A-Haggada
Das Objekt in der Sammlung des Museums ist ein Original, das beim besagten Seder zum Einsatz kam. Eine spätere Ausgabe der Haggada wurde von der Third Army, der amerikanischen Besatzungsarmee in Bayern, um ein Vorwort Klausners erweitert und schließlich vervielfacht. Wegen des Emblems der Third Army ist sie bekannt als A-Haggada. © The National Library of Israel

Die zahlreichen Besonderheiten, die in der Survivors‘ Haggada zusammenkommen, machen sie zu einem höchst außergewöhnlichen Zeitzeugnis. Sie entstand durch die Zusammenarbeit drei ganz unterschiedlicher Figuren: zum einen ein Militärrabbiner, der die Konzentrationslager direkt nach der Befreiung bezeugte und die Situation der Juden in den DP-Camps aus erster Hand kannte; zum anderen ein zionistischer Schriftsteller und ein bildender Künstler, die beide die Schoa nur knapp überlebt hatten. Sie einte die Bestrebung, die übriggebliebenen Juden zum Auszug aus Europa und zur Neugründung einer Existenz im Nahen Osten zu bewegen.

Durch grafische Elemente, die Aufnahme unkonventioneller Texte und das Auslassen dankender Passagen der Liturgie, wie beispielsweise das lobende Hallel, erhält diese Variante einer Haggada einen klagenden Ton, der den Gott Israels geradezu tadelt. Sie funktioniert als emotionaler Mahnruf an sein heimatloses Volk, die europäische Knechtschaft, die nach Auffassung Sheinsons in der Schoa nur ihren Höhepunkt fand, endlich zu verlassen.

Das Bedürfnis nach und die Beschaffung von kulturellen Gütern, in Umständen unter denen selbst die Lebensmittelversorgung nur mangelhaft gedeckt war, demonstriert das rasche Wiedererstarken jüdischen Lebens in Deutschland unmittelbar nach dem Ende des Kriegs.
Die Herstellung, die Verwendung und der Inhalt des Heftchens machen es zum Dokument einer Zeit, die von Trauma, Elend und Ungewissheit über die Zukunft beherrscht war. Ein Spannungsfeld tiefer Verzweiflung einerseits und vager Hoffnung andererseits, das sich auf den Seiten der Druckschrift widerspiegelt.

Darüber hinaus ist das Stück ein Zeugnis dafür, dass sogleich mit dem Ende der Judenverfolgung die Überlebenden nicht etwa in Schockstarre verfielen, sondern sich bald selbst organisierten und einige von ihnen ihre erschütternden Erfahrungen ohne Zögern in Bild und Schrift festhielten und kundtaten.

Dennis Eiler

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