Der Geburtstag des Frankfurter Juristen, Kaufmann, Autor und Privatgelehrten Rudolf Heilbrunn jährt sich am 20. April zum 125. Mal. Aus diesem Anlass wollen wir an ihn erinnern. Sein umfangreicher Nachlass liegt im Archiv des Jüdischen Museums Frankfurt und soll hier vorgestellt werden.
Rudolf Heilbrunn kam in einer bürgerlichen Familie in Frankfurt am Main zur Welt. Sein Vater Ludwig Heilbrunn war Anwalt, Notar und ein angesehener Frankfurter. Er galt als Freund von Oberbürgermeister Franz Adickes und war auch selber in der Politik tätig; so wurde er Stadtverordneter und später Abgeordneter im Preußischen Abgeordnetenhaus. Im Jahr 1900 hatte er die als lebhaft beschriebene Clara Koch geheiratet. Mit der Tochter des berühmten Juweliers Robert Koch hat er zwei Söhne, Rudolf und Robert.
Rudolf Heilbrunn als Bücherliebhaber

Rudolf Heilbrunn schreibt über seine Kindheit: „[…] meine Lieblingsspielzeuge wurden bald Bücher“. Seine Großmutter Henriette las ihm häufig vor und führte ihn in ihre umfangreiche Büchersammlung ein. Ihr gemeinsam geteilte Bücherliebe bezeugt ein im Familiennachlass erhaltenes Geburtstagsgedicht, das Rudolf und Robert als Kinder für die Großmutter verfassten: „Ein wildes Kind seist Du gewesen und fast wie Rudolf so verlesen“, heißt es hier. Vor allem aber mit seinem Vater teilte Rudolf Heilbrunn die Bibliophilie und begeisterten sich vor Allem für das Sammeln von seltenen Erstausgaben.
Rudolf Heilbrunn vermutet später in seinen Lebenserinnerungen, dass das ausgeprägte bibliophile Interesse der Familie möglicherweise auf seinen Ururgroßvater Joseph Baer zurückging, der in Frankfurt ein bedeutendes Antiquariat begründete. Von Joseph Baer stammt auch das älteste im Nachlass enthaltene Familiendokument: ein Brief von 1830 an den Senat der Stadt Frankfurt, in dem Baer um Aufnahme in die israelitische Gemeinde bittet.

Nach seinem Abitur am Frankfurter Goethe-Gymnasium hatte der so vielseitig interessierte Rudolf Schwierigkeiten, sich für ein Studienfach zu entscheiden. So schreibt er rückblickend: „Ich las viel in diesem Vierteljahr zwischen Schulende und Universitätsbeginn. Doch vor allem versuchte ich, mir Klarheit zu verschaffen, in welche Richtung ich meine Studien lenken sollte. Ich wusste es nicht. Kunstgeschichte interessierte mich nicht weniger als Literaturwissenschaft, Geschichtskenntnis schien zum Verständnis der zerrütteten Welt nicht minder belangreich zu sein als Nationalökonomie, meine geringen Kenntnisse von Philosophie, mein unzureichendes Wissen psychologischer Einsichten bedurften der Ausbildung und Erweiterung.“ Schließlich entschied sich Heilbrunn für ein Studium der Rechtswissenschaften, was möglicherweise auch am Einfluss des Vaters gelegen haben mag.

Nach dem Studium war Rudolf Heilbrunn einige Jahre für die Juweliersfirma seines Onkels Robert Koch tätig. In der von mütterlicher Linie begründeten Firma erprobte er sein kaufmännisches Geschick. Die Robert Koch’sche Firma, die zunächst unter Startschwierigkeiten gelitten hatte, hatte es geschafft, zu einer der bedeutendsten Juweliersfirmen der Welt aufzusteigen und versorgte unter anderem das deutsche und russische Königshaus und weltweit verbreitete Kunden wie etwa König Chulalongkorn von Siam mit Schmuckstücken. Das Geschäftsgebäude der Firma, das sich in der Kaiserstraße 25 im Herzen Frankfurts befand, sieht im Jahr 2026 noch fast genauso aus wie damals um 1900, als das Unternehmen auf dem Höhepunkt seines Erfolgs stand. Doch heute ist nichts mehr von der bedeutenden Rolle des Unternehmens zu erkennen. Von den Aktivitäten des Unternehmens zeugen jedoch einige alte Geschäftsdokumente, die Teil des im Jüdischen Museum erfassten Familiennachlasses sind. Darunter befinden sich auch einige Dokumente von Robert Kochs Ehefrau Flora Koch, die nach dem Tode ihres Mannes die „Robert Koch’sche medizinische Stiftung“ zur Förderung medizinisch-wissenschaftlicher Studien begründete.
Auch wenn er sich beruflich zunächst in eine andere Richtung entwickelte, behielt sich Rudolf Heilbrunn die Freude am Lesen und die Liebe zu Büchern auch als Erwachsener bei. So schreibt er in seinen Lebenserinnerungen über seine Zeit bei der Firma Robert Koch: „Aber meine geschäftliche Tätigkeit konnte mich nicht völlig befriedigen. […] Die Leselust des Knaben hatte eine Büchersammelwut zur Folge, die mich allmählich zum Besitzer einer schönen Bibliothek werden ließ.“
Über den Nachlass

Einen ausführlichen Einblick in das Leben der Heilbrunns ermöglichen die zahlreichen im Familiennachlass erhaltenen persönlichen Dokumente, darunter Briefe, Tagebücher und Familienfotos. Die Familie Heilbrunn pflegte einen bürgerlichen Lebensstil, der durch Theater-, Museums- und Konzertbesuche, Ausflüge in den Frankfurter Stadtwald oder in das familieneigene Sommerhaus in Kronberg geprägt waren. Der Nachlass zeugt darüber hinaus vom reichlichen Schaffen von Ludwig Heilbrunn und seinem Sohn Rudolf Heilbrunn. Beim Durchblättern der Archivalien wird deutlich, dass beide überaus aktive Männer waren, die am gesellschaftlichen Leben Frankfurts regen Anteil hatten. So enthält der Nachlass einige Dokumente aus der Zeit der Universitätsgründung, die bezeugen, dass Ludwig Heilbrunn ein begeisterter Befürworter einer eigenen Frankfurter Universität war und sich für dessen Gründung engagierte. Für diese Verdienste wurden ihm 1918 die Ehrendoktorwürde der Frankfurter Universität sowie 1924 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Frankfurt verliehen. Der Nachlass verdeutlicht außerdem, dass sowohl Ludwig als auch Rudolf Heilbrunn nicht nur begeisterte Leser und Büchersammler waren, sondern auch in nicht geringem Maße selber publizierten. So enthält der Nachlass eine Vielzahl von Typoskripten sowohl zu rechtswissenschaftlichen als auch zu historischen und literaturwissenschaftlichen Fragestellungen.
Im Exil
Sowohl Ludwig als auch sein Sohn Rudolf Heilbrunn verfolgten mit großer Sorge das politische Zeitgeschehen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten fand die Existenz der etablierten Frankfurter Familie Heilbrunn ein bitteres Ende. Ludwig Heilbrunn erhielt 1938 Berufsverbot und sämtliche Ehrungen, die er für seine Verdienste erhalten hatte, wurden ihm aberkannt. Zwei Jahre zuvor war seine Ehefrau Clara Heilbrunn verstorben, was ihn die judenfeindliche Politik der Nationalsozialisten besonders schwer ertragen ließ. Sein Sohn Rudolf schreibt rückblickend: „Als sie von uns ging, wussten wir, dass mit ihr unsere Familie zerfiel. Vater konnte ohne ihren Frohsinn und ihre Lebensklugheit ein so verändertes Leben kaum ertragen. Schutzlos sah er sich den Angriffen, Beleidigungen einer Welt preisgegeben, deren Sinn er nicht verstand und nicht verstehen wollte, und zog sich wie ein waidwundes Wild in die Höhle seines Bücherzimmers und die Einsamkeit des Landhauses zurück.“
1938, kurz nachdem im Zuge der Novemberpogrome ein neues Ausmaß der Gewalt gegen Jüdinnen und Juden einsetzte, entschieden sich die Heilbrunns für die Emigration. Ludwig Heilbrunn konnte sich mit der Unterstützung seines Sohnes Rudolf nach London retten, der jüngere Sohn Robert emigrierte in die USA. Rudolf Heilbrunn entschied sich für die Emigration nach Amsterdam, vermutlich auch, da bestehende geschäftliche Kontakte hier seinen Lebensunterhalt sichern konnten. Kurze Zeit später folgte ihm seine nichtjüdische Ehefrau Lore Grages. Den Grundbesitz in Frankfurt sowie das Sommerhaus in Kronberg musste die Familie zwangsverkaufen.
1942 wurde Rudolf Heilbrunn in Amsterdam verhaftet. Nach einer zehntägigen Haft in einem Polizeigefängnis am Hauptbahnhof wurde er gewaltsam in das Internierungslager Westerbork verschleppt. Während seiner Haftzeit verfasste er seine Lebenserinnerungen, deren Manuskripte ebenfalls Teil des im Museum erfassten Nachlasses sind. Nach neun Monaten wurde Rudolf Heilbrunn aus dem Lager entlassen, was er vermutlich der Tatsache verdankte, dass er mit der nicht-Jüdin Lore Grages in einer sogenannten „geschützten Ehe“ lebte. Das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung vom Nationalsozialismus erlebte er in Amsterdam.
Rudolf Heilbrunn war mit seinem in London lebenden Vater, so gut wie es durch die erschwerten Verhältnisse von Krieg und Lagerhaft möglich war, in Kontakt geblieben. Hiervon zeugt auch der im Familiennachlass erhaltene Ordner „Briefe von Papa“ (siehe hierzu auch den Blogeintrag von Heike Drummer, der ausführlicher auf die Briefe eingeht: www.juedischesmuseum.de/blog/briefe-papa-von-1939-1948). Ludwig Heilbrunn überlebte den Zweiten Weltkrieg verarmt, krank und einsam in London. Seine Verdienste für die Stadt Frankfurt schienen aus einem anderen Leben zu stammen. Aus den Korrespondenzen zwischen ihm und seinem Sohn Rudolf geht jedoch hervor, dass er es nicht ausschloss, nach Frankfurt zurückzukehren. So schreibt er 1947: „Liebster Rudolf, […] Der Artikel, den Du mir über Frankfurt schickst, ist sehr interessant. Die Stadt scheint doch wieder viele Chancen zu haben und man sollte sich überlegen, ob man nicht doch dort wieder Anknüpfung suchen sollte. Alles, was ich für diese Stadt getan habe, sollte doch auch nicht ganz vergessen sein. […] Euer Papa“. Um sich medizinisch behandeln zu lassen, kehrte Ludwig Heilbrunn 1950 nach Deutschland zurück, ließ sich jedoch nicht in Frankfurt nieder. 1951 verstarb er im Sanatorium Bühler Höhe bei Baden-Baden.
Die Juwelierfirma Robert Koch war im Zuge der „Arisierung“ 1938 enteignet worden. Das Geschäftsgebäude in der Kaiserstraße 25 wurde im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört und ab 1946 wiederaufgebaut. Die Firma selbst wurde 1986 aufgegeben und ihre Bedeutung geriet schnell in Vergessenheit.
Aufbau einer neuen Existenz
Rudolf Heilbrunn lebte nach Kriegsende zunächst für einige Jahre in der Schweiz und kehrte erst 1962 nach Deutschland zurück. Wie sei Vater, ließ auch er sich nicht in Frankfurt nieder, sondern zog mit seiner zweiten Ehefrau Gertrud Elisabeth Petry nach Kaiserslautern, von wo aus er sich eine neue Existenz als Privatgelehrter, Historiker und Autor aufbaute. Durch diese Tätigkeit konnte er seine vielfältigen Interessen weiterverfolgen, die er als junger Mann entwickelt hatte. Für Rudolf Heilbrunn begann nun eine überaus produktive Zeit, in der er sich mit diversen Fragestellungen auseinandersetzte, die vor allem im Bereich der Literaturwissenschaft und der Frankfurter jüdischen Geschichte lagen. Diese arbeitsreiche Phase ist im Nachlass der Familie Heilbrunn dokumentiert; neben einer Vielzahl von Originaltyposkripten von Rudolf Heilbrunn finden sich hier auch zahlreiche Korrespondenzen mit bekannten Intellektuellen. So stand Heilbrunn beispielsweise mit dem Literatursoziologen Leo Löwenthal und dem Religionshistoriker Gershom Sholem in Kontakt.
Der Nachlass der Familie Heilbrunn enthält auch einige Fotos. Einige davon zeigen Rudolf Heilbrunn als betagten Mann in seinem Haus in Kaiserslautern – umgeben von Büchern.
Quellen
Drummer, Heike: „Briefe Papa v[on] 1939-1948“ – Ein Dokument aus dem Nachlass der Frankfurter Familie Heilbrunn. In: Gedibber. Blog des Jüdischen Museums Frankfurt, www.juedischesmuseum.de/blog/briefe-papa-von-1939-1948 (Stand: 26.01.2026)
Drummer, Heike: Heilbrunn, Rudolf M. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe) (Stand: 26.01.2026)
Drummer, Heike: Heilbrunn, Ludwig. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe) (Stand: 26.01.2026)
Fickinger, Samuel: Koch, Robert. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe) (Stand: 26.01.2026)
Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden (Hg): Zehn Nachtwachen. Lebenserinnerungen von Rudolf M. Heilbrunn. Frankfurt am Main 2000 (bearbeitet von Sabine Fuchs).




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