Leo Horovitz Tora-Schild (Tass), 1903/1904. Silber, gegossen, graviert. Leihgabe Jüdische Gemeinde Frankfurt K.d.ö.R.

Neuerwerbungen: Zwei Tora-Schilde von Leo Horovitz

Ein außergewöhnliches Angebot für das Museum
Porträt von Eva Atlan
07. Mai 2026Eva Atlan

Im vergangenen Jahr trat ein bedeutender Judaica-Sammler an das Jüdische Museum heran, um zwei besondere Objekte zum Kauf anzubieten: Tora-Schilde des Frankfurter Silberschmieds Leo Horovitz aus dem frühen 20. Jahrhundert. Der Sammler hatte die Stücke bereits in den 1960er Jahren auf dem Kunstmarkt erworben – ihre Geschichte jedoch reicht deutlich weiter zurück. Eines der beiden Schilde ist Teil eines vollständigen Tora-Schmuckensembles, bestehend aus zwei Tora-Aufsätzen, dem Schild selbst und einem Anhänger. Dieses Ensemble wurde ursprünglich 1904 der Synagoge am Börneplatz Synagoge gestiftet. Während der Novemberpogrome von 1938 wurde die Synagoge zerstört und ihre Ritualobjekte geplündert.

Eine bewegte Objektbiografie

Die einzelnen Bestandteile des Ensembles tauchten über Jahrzehnte hinweg nach und nach wieder auf:
Der Anhänger wurde bereits 1950 durch die Jewish Cultural Reconstruction an die wiedergegründete Jüdische Gemeinde Frankfurt übergeben. Die Tora-Aufsätze erschienen erst 1989 auf dem Kunstmarkt und wurden damals vom Jüdischen Museum Frankfurt erworben.

Der Ankauf des nun angebotenen Tora-Schildes war daher kein gewöhnlicher Museumsankauf. Aufgrund des eindeutig nachweisbaren NS-Raubkontexts wurde gemeinsam mit der Stadt Frankfurt und der Jüdischen Gemeinde Frankfurt entschieden, das Objekt anzukaufen und anschließend der Gemeinde zu übergeben. Im Gegenzug stellte die Gemeinde das Schild dem Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung.

So ist es jetzt erstmals seit 88 Jahren möglich, alle Teile des Ensembles wieder gemeinsam zu präsentieren – ein eindrucksvolles Zeugnis von Verlust, Wiederentdeckung und Rückführung.

Das zweite Tora-Schild: Symbolik und Gestaltung

Auch das zweite Tora-Schild ist ein herausragendes Werk. Das monumentale „Tas“, wie es auf Hebräisch heißt, zeigt im Zentrum die Tempelmenora, umgeben von einer Landschaft mit Bäumen und flankiert von zwei Säulen – Symbolen für Jachin und Boaz, die Säulen des Jerusalemer Tempels. Bekrönt wird die Komposition von zwei Adlern, während architektonische Elemente auf den Tempel verweisen.

Im Tympanon befindet sich ein Kästchen für austauschbare Feiertagsschilder, hier mit der Bezeichnung „Schabbat“. Eine hebräische Inschrift am unteren Rand zitiert den Propheten Sacharja: „Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen.“

Auch die Kette des Schildes ist bemerkenswert: Sie besteht aus großen Gliedern in Form des Davidsterns – eine gestalterisch wie symbolisch durchdachte Einheit.

 

 

Leo Horovitz und die Moderne Judaica

Mit seinen Arbeiten markiert Leo Horovitz einen Wendepunkt in der Geschichte der Judaica. Er löste sich vom historistischen Stil des 19. Jahrhunderts und entwickelte eine moderne, eigenständige Formensprache. Seine Werke verbinden traditionelle religiöse Inhalte mit den organischen Linien des Jugendstils und spiegeln zugleich den kulturellen Aufbruch seiner Zeit wider.

Bereits zu Lebzeiten wurde Horovitz in der zeitgenössischen Presse als außergewöhnlich talentierter Künstler gewürdigt. Seine Arbeiten galten als originell, innovativ und tief im jüdischen Ritual verwurzelt.

Wer war Leo Horovitz?

Geboren im polnischen Gnesen, kam Leo Horovitz 1878 mit seiner Familie nach Frankfurt, nachdem sein Vater, der Rabbiner Dr. Marcus Horovitz, dort berufen worden war.

Nach einer Ausbildung als Ziseleur und dem Besuch der Frankfurter Kunstgewerbeschule setzte Leo Horovitz seine Studien in Paris an der Académie Julian sowie in München fort. 1901 kehrte er nach Frankfurt zurück und eröffnete gemeinsam mit seinem Bruder Felix ein Silberwarengeschäft.

Neben profanen Arbeiten schuf Horovitz vor allem Ritualobjekte für die Synagogen der Israelitischen Gemeinde, darunter die Synagogen am Börneplatz und an der Friedberger Anlage. Seine Werke zeichnen sich durch Individualität, symbolische Tiefe und eine enge Verbindung von Form und Inhalt aus.

Kunst, Erinnerung und Bedeutung

Dezernentin für Kultur und Wissenschaft Dr. Ina Hartwig, Vorstandsvorsitzender und Kulturdezernent der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt Marc Grünbaum und stellv. Direktorin des Museums Dr. Eva Atlan von der Vitrine des vereinten Tora-Schmucks.

Das wiedervereinte Tora-Ensemble zeigt eindrucksvoll, wie eng Kunst, Geschichte und Erinnerung miteinander verwoben sind. Die Objekte erzählen nicht nur von künstlerischer Innovation, sondern auch von Zerstörung, Verlust und der mühsamen Rückführung kulturellen Erbes.

Heute stehen sie im Jüdisches Museum Frankfurt als sichtbares Zeichen dafür, wie Geschichte bewahrt, aufgearbeitet und neu erfahrbar gemacht werden kann.

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