Das bewegte Leben und Werk des weitgehend in Vergessenheit geratenen Malers Armin Stern (1833-1944) stehen im Fokus einer Kabinettausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt: Im Raum „Kunst und Exil“ in der dritten Etage der Dauerausstellung im Rothschild-Palais zeigen wir Werke des Exilkünstlers. Wer war der Mann, der das Frankfurt der 1920er-Jahre in seiner ganzen alltäglichen Lebendigkeit einfing und danach fast in Vergessenheit geriet? Seine Spuren führen nach Galanta, Preßburg, Palästina und schließlich ins US-amerikanische Exil – doch ein tiefes Band verbindet ihn mit seiner Wahlheimat Frankfurt am Main. Ein ganz bestimmtes Gemälde des Eschenheimer Turms offenbart, wie ein historisches Kunstwerk inmitten einer sich völlig verändernden Welt zu einem zeitlosen Anker der Vertrautheit werden kann.
Ein fast vergessener Künstler
Wer war Armin Stern? Bevor ich seine Bilder in der Kabinettausstellung des jüdischen Museums kennengelernt habe, wusste ich selbst noch nicht, wer dieser Mann war: Ein Künstler, der beinahe in Vergessenheit geriet, ein orthodox erzogener Jude, der sich der Kunst verschrieben hatte, ein Zionist verbunden mit Eretz Israel und ein Mann dessen Werke so vielschichtig sind, wie die Stationen seines Lebens selbst.
Von Österreich-Ungarn nach Frankfurt in die Welt – und auf der Flucht
Geboren 1883 in Galanta (damals Österreich-Ungarn) und aufgewachsen in Preßburg (heutiges Bratislava), siedelte Armin Stern im Jahr 1900 nach seinem Schulabschluss nach Frankfurt am Main über. Er wollte Maler werden und begann ein Studium der Malerei an der Städelhochschule. Einige seiner Werke entstanden hier in dieser Stadt, die mehr als 30 Jahre lang sein Lebensmittelpunkt bleiben sollte. Studienaufenthalte und Malreisen brachten Armin Stern zudem auch nach München, Rumänien, Frankreich, Italien, in die Schweiz und in die Niederlande. 1925 heiratetet er seine aus Treysa (Nordhessen) stammende Frau, Dorothea Antonia Menzler, genannt Toni. Nur ein Jahr später kam Anna Esther zur Welt, die einzige gemeinsame Tochter des Paares.
In den Jahren 1933 und 1934 verbrachte Stern 15 Monate im britischen Mandatsgebiet Palästina. Hier malte er nicht nur einige seiner Landschaftsbilder und Porträts, sondern suchte auch nach einem Ort, an dem er sich mit seiner Familie hätte niederlassen können, um dem wachsenden antisemitischen Druck des inzwischen nationalsozialistischen Deutschlands, zu entgehen. Letztendlich kam dies jedoch nicht zustande und er flüchtete mit seiner Familie zunächst in seine alte Heimat Preßburg. Als sich die Lage der Juden dort ebenfalls verschlechterte gelang der Familie die Flucht in die Vereinigten Staaten. Sterns Versuch, seine Geschwister mitsamt ihren Familien aus Europa herauszuholen und vor der Deportation und Ermordung zu bewahren, scheiterte. Alle seine Geschwister kamen durch die Schoah ums Leben. Er selbst starb 1944 in Massachusetts, USA, nur wenige Tage vor seiner Einbürgerung.
Ein Leben, gespiegelt auf Leinwand
In der Galerie des Frankfurter Kunsthändlers Ludwig Schames und im Frankfurter Kunstverein, von welchem Stern 1933 aufgrund des stetig wachsenden Antisemitismus ausgeladen wurde, fanden seine ersten bekannten Ausstellungen statt. Mehr als 110 Jahre später werden seine Werke nun in einer Kabinettausstellung des Jüdischen Museums wieder ausgestellt. Hier bin ich Armin Stern und seinem Werk zum ersten Mal begegnet. Man muss kein Experte sein, um sofort die enorme Vielfalt seiner künstlerischen Techniken zu erkennen.
Jedes seiner Werke spiegelt einen Teil seines vielschichtigen Lebens wider: Von seinen Wanderjahren als junger Maler, über seine Reise nach Britisch-Palästina, bis hin ins Exil in die Vereinigten Staaten. Größtenteils stellen seine Werke Landschaften und Porträts dar: Zum Beispiel eine verschneite Winterlandschaft, ein Dorf in Hessen, eine Frau bei der Feldarbeit oder das Porträt eines blinden Bettlers.
Mein Blickfang: Der Eschenheimer Turm

Mein persönliches Lieblingsobjekt von Armin Stern ist jedoch weder ein klassisches Landschaftsgemälde noch ein Porträt. Es ist ein Werk, das mir beim ersten Anblick besonders auffiel, dessen inhaltliche Darstellung ich sofort erkannte und die mir sogleich vertraut erschien: Es handelt sich um das Gemälde des Eschenheimer Turms. Der Eschenheimer Turm ist ein bekanntes Wahrzeichen Frankfurts – zumindest für die Frankfurter selbst. Stern stellt ihn auf dem Gemälde zentral dar, sodass er sofort auffällt, obwohl er von den Ästen eines der Bäume, welche sich auf der linken Seite befinden, leicht verdeckt wird. Unter diesen Bäumen befinden sich einige Menschen und parkende Autos auf der linken Straßenseite. Auf der rechten Seite des Bildes erkennt man eine Straßenbahn, haltend an einer Station voller Menschen. Auf der Straße, die zentral vor dem Turm verläuft, ist ein Auto zu erkennen. Rechts vom Eschenheimer Turm steht ein Gebäude mit verschneitem Dach und der Eschenheimer Turm selbst ragt mit seiner mittleren Dachspitze in einen blauen Himmel hinein. Die Szenerie wirkt wie eine verschneite Stadtstraße, was darauf schließen lässt, dass es sich um die Umgebung des Eschenheimer Turms im Winter handelt.
Wahlheimat Frankfurt und jüdische Spuren
Armin Stern malte dieses Bild in den 1920er Jahren. Für ihn war es eine zeitgenössische Darstellung, des Frankfurts, das er damals kannte. Was mich daran fasziniert? Ein Stück weit nimmt er mich mit seinem Werk in diese Zeit mit hinein. In ein Frankfurt, in dem jüdisches Leben nicht nur lebendig, sondern auch allgegenwärtig war. In eine Stadt, in der offenkundig war, dass ihre Kultur und Geschichte von Juden und Jüdinnen mitgeprägt und mitgestaltet wurden. Das Gemälde des Eschenheimer Turms weist keine expliziten jüdischen Merkmale auf und auch der Eschenheimer Turm selbst ist kein jüdisches Wahrzeichen. Vielmehr zeigt dieses Werk eine Alltagssituation: Menschen vor einer Straßenbahn, Autoverkehr auf der Straße, Personen, die unterwegs sind und das alles vor einem Turm, einem Wahrzeichen ihrer Stadt. Gemalt von einem Juden, der in dieser Stadt gelebt hat, seinen Alltag in ihr verbracht hat, dort arbeitete und Kontakte pflegte, der diese Stadt inspirierte und von ihr inspiriert wurde. Einem Mann, der sich entschieden hatte, diese Stadt, Frankfurt am Main, zu seiner Wahlheimat zu machen. Diesen Punkt habe ich mit ihm gemeinsam; und vielleicht ist das ein Grund, warum mich gerade dieses Werk so gefesselt hat.
Die veränderte Straße, die beständige Fassade
Armin Stern hielt auf seinen Reisen viele Orte in seinen Werken fest - zum Beispiel Jerusalem, Holland, die Bretagne oder Coney Island. Auch weitere Bilder von Frankfurt und seiner Umgebung gehören zu seinen Werken. Beim Eschenheimer Turm jedoch war vom ersten Anblick an keine Erklärung nötig, um zu erkennen, welcher Ort hier dargestellt wird. Die Straße hat sich im Verlaufe des Jahrhunderts etwas verändert, die Automodelle sind nicht mehr die gleichen und auch die Straßenbahnlinien verlaufen nicht mehr am Turm entlang. Heute befindet sich direkt am Turm ein Restaurant und je nach der Perspektive, von welcher man den Eschenheimer Turm betrachtet, sieht man heute im Hintergrund einen der Skyline Tower. Und doch ist die Fassade noch dieselbe.
Zeitlosigkeit als Brücke in die Zukunft
Vergleicht man den Turm auf dem Gemälde mit dem Turm von heute, wird sofort deutlich: Die Umgebung mag sich verändert haben, der Turm selbst jedoch ist gleichgeblieben. So wie ich auf den ersten Blick den Eschenheimer Turm rotz einer mir nicht vertrauten Umgebung des frühen 20. Jahrhunderts auf Armin Sterns Gemälde erkannt habe, würde er heute mit Sicherheit sofort den Eschenheimer Turm in einer für ihn fremden Umgebung wieder erkennen.
Ein Anker in der Zeit
Die Vertrautheit und die Zeitlosigkeit sind weitere Gründe für meine Faszination dieses Gemäldes: Es drückt für mich die Veränderung und Entwicklung einer Stadt und einer Gesellschaft aus und setzt gleichzeitig einen Anker der Zeitlosigkeit und des Vertrauten. Veränderung ist unentrinnbar und notwendig für jede menschliche Gemeinschaft und jedes Leben. Sie schafft neue Ideen, neue Möglichkeiten und gleichzeitig suchen wir etwas an dem wir festhalten können, etwas das uns vertraut ist und vertraut bleibt.
Ich bin keine Malerin, aber wäre ich es, würde ich vielleicht ebenfalls ein Gemälde oder zumindest eine Zeichnung des Eschenheimer Turms anfertigen: Des Eschenheimer Turms von heute. Auf meinem Werk würde man ebenfalls eine Straße und ihren Verkehr sehe, wenn auch mit etwas anderen Autos. Es gäbe Bäume darauf und einen blauen Himmel. Jedoch keine Straßenbahn und keine Haltestelle. Stattdessen die Tische und Stühle eines Lokals vor dem Portal des Turms und im Hintergrund einen Tower der Skyline.
Wenn man dann in hundert Jahren mein Gemälde betrachten und mit der Gegenwart vergleichen würde, wäre die Fassade des Turms vielleicht immer noch dieselbe – in einer völlig veränderten Umgebung. Und doch gäbe es vielleicht wieder jemanden, dem mein Gemälde vertraut und zeitlos erscheinen würde, weil der Eschenheimer Turm eben immer noch das gleiche vertraute und zeitlose Wahrzeichen der Stadt wäre. Eine Malerin bin ich zwar nicht, aber dafür nachhaltig fasziniert von diesem zeitlosen Werk Armin Sterns.
Das Erbe von Armin Stern im Jüdischen Museum
Armin Stern war ein leidenschaftlicher und begabter Künstler, welcher ins Exil getrieben wurde. Heute kaum noch bekannt, zeugt sein Werk von dem bedeutenden Erbe, das er hinterlassen hat. Diese Sammlung bereichert nun das Jüdische Museum Frankfurt und ist dort derzeit bis zum 3. Januar 2027 in einer Kabinettausstellung zu sehen. Jedes einzelne Werk Armin Sterns ist einen Besuch wert.
Die Autorin absolvierte 2026 Praktikum im Jüdischen Museum Frankfurt.




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