
Fotografin und Soziologin, Pionierin der Kleinbildkamera und Mitglied der Roten Studentengruppe, deutsch-jüdische Emigrantin und Journalistin: Gisèle Freund war vieles und stets voller Tatendrang.
Mit ihren Farbporträts von Walter Benjamin, James Joyce, Simone de Beauvoir, Frida Kahlo und weiteren zeitgenössischen Intellektuellen, Schriftsteller:innen und Künstler:innen machte sie sich international einen Namen. Die große Einzelausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt rückt nun Facetten ihres Schaffens ins Zentrum, die bislang wenig gewürdigt wurden: ihren soziologischen Blick auf die Welt, ihre fotografischen Experimente und das internationale Netzwerk von Frauen wie Adrienne Monnier und Victoria Ocampo, das ihr Überleben in der Emigration möglich machte.
„OUT OF THE BOX: Gisèle Freund“ gibt einen Einblick in die umfangreiche Sammlung, die das Jüdische Museum Frankfurt aus dem Nachlass von Hans Puttnies und aus weiteren Quellen erworben hat. Erstmals werden unbekannte Vintage-Fotografien von Gisèle Freund neben persönlichen Notizen und Manuskripten zu sehen sein, die viele Jahre lang in 32 Archivkartons öffentlich unzugänglich verwahrt wurden. Ihnen zur Seite stehen bekannte Aufnahmen, Reportagen und Bücher sowie bislang praktisch unbekannte fotografische Experimente. Die ausgestellten Werke, Unterlagen und Skizzen zeugen von Freunds großer Eigenständigkeit, ihrer Gabe zur Freundschaft sowie ihrem unbestechlichen Sinn für gesellschaftliche Ungerechtigkeit, soziale Not und Diskriminierung. Und nicht zuletzt von ihrer Leidenschaft fürs Schreiben und der Erfahrung eines zweifachen Exils.
Gisèle Freund

Mit ihren Aufnahmen zahlreicher Persönlichkeiten aus Literatur, Kunst und Politik prägt Gisèle Freund die Fotografie des 20. Jahrhunderts.
Am 19. Dezember 1908 als Sophia Gisela Freund in Berlin geboren, kommt sie schon früh in Kontakt mit Bildender Kunst. Ihr Vater, der Textilfabrikant Julius Freund, ist Kunstsammler und schenkt seiner Tochter ihre erste Kleinbildkamera. Mit dieser unternimmt sie fotografische Experimente und hält insbesondere fest, was sie auf den Straßen beobachtet. Als Mitglied der Roten Studentengruppe dokumentiert sie Proteste und Demonstrationen in Frankfurt am Main, wo sie bei Karl Mannheim und Max Horkheimer Soziologie studiert. Dessen Assistent Norbert Elias schlägt ihr vor, eine Dissertation über das neue Medium Fotografie anzufertigen. Zeitgleich beginnt sie, ihre ersten Fotoreportagen zu verfassen. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme muss Freund als Jüdin und Sozialistin fliehen. In Paris angekommen, ändert sie ihre Identität: Aus Gisela wird Gisèle Freund.
Sie baut sich ein Netzwerk an Schriftstellerinnen, Schriftstellern und Intellektuellen auf und betreibt zusammen mit Richard „Rix“ Rosenthal, einem Freund aus Frankfurt unter dem Namen Girix eine Fotoagentur. Als die deutschen Behörden 1936 ihren Reisepass nicht verlängern, beschließt sie, der drohenden Staatenlosigkeit durch die Eheschließung mit einem Franzosen zu entgehen. Sie heiratet einen Freund ihrer damaligen Partnerin, Adrienne Monnier. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs muss Freund erneut fliehen und gelangt mit der Unterstützung von Victoria Ocampo 1941 nach Argentinien. Dort unternimmt sie zahlreiche Reisen, unter anderem nach Patagonien mit Elisabeth Prévost. Sie arbeitet für das Ministère de l’Information der französischen Exilregierung und wird Mitglied der bekannten Fotoagentur Magnum. Sie fotografiert für TIME, Life und weitere namhafte Medien und zieht erneut um – nun nach Mexiko, wo sie viel Zeit mit Frida Kahlo verbringt. 1952 kehrt sie nach Paris zurück und lebt dort bis zu ihrem Lebensende. Nach ihrem Tod am 31. März 2000 wird sie auf dem Friedhof Montparnasse beigesetzt.
Die Sammlung Freund des Jüdischen Museums Frankfurt
Im Dezember 2022 erwirbt das Jüdische Museum Frankfurt mit Unterstützung der Stadt Frankfurt eine umfangreiche Sammlung mit Fotografien und Dokumenten von Gisèle Freund aus dem Nachlass des Autors, Regisseurs und Medienwissenschaftlers Hans Georg Puttnies.
Die Sammlung umfasst mehr als 1.150 Fotografien aus den Jahren 1927 bis 1975, etwa die Hälfte davon Vintage-Prints. Bislang unpublizierte Manuskripte, wie etwa das Typoskript zu einem unvollendeten autobiografischen Roman, den Gisèle Freund in den Jahren 1952 bis 1954 in Mexiko verfasste, sind ebenso Bestandteil der Sammlung wie persönliche Notizen, Adressbücher, Briefe und Dokumente. Infolge weiterer Ankäufe, etwa auch des Vorlasses der Galeristin Maria Ruiter, verfügt das Museum nun über die größte Sammlung an Fotografien und Dokumenten von Gisèle Freund in Deutschland.
Themen der Ausstellung
Die Ausstellung gliedert sich in vier thematische Räume, die jeweils mit Arbeiten aus den Jahren 1929-33 beginnen, als Gisèle Freund in Frankfurt Soziologie studiert, um Journalistin zu werden. In dieser Zeit entwickelt sie die kritische Perspektive auf die Gesellschaft, die ihr späteres Werk als Fotografin, Soziologin und Fotojournalistin prägt.
Fotografische Ästhetiken: Farbe, Gesellschaftsanalyse, Experiment
Freunds Neugier, das Potenzial der Kleinbildkamera auszuloten, ist grenzenlos. Offen für verschiedenste Ästhetiken, von kunsthistorischen Einflüssen bis hin zu den neusten Strömungen der Werbung und der illustrierten Presse, erforscht sie die Möglichkeiten, ein fotografisches Bild zu transformieren. Ihre Verwendung der neuen Farbfilme von Kodak und Agfa für die Porträtfotografie sind Pionierarbeiten. Mit den Fotos, die sie in den Jahren 1938 bis 1940 von Intellektuellen, Schriftstellerinnen und Schriftstellern in Paris und London anfertigt, erwirbt sie den Ruf einer „Porträtistin des Geistes“ und wird weltberühmt. Eines ihrer ersten Farbbilder, ihr Porträt von James Joyce, erscheint 1939 auf dem Cover des TIME-Magazins.
Trotz der Experimente mit den Möglichkeiten der Farbfotografie hält Gisèle Freund lange Jahre an Schwarz-Weiß-Bildern fest. Leicht reproduzierbar in Büchern und Zeitschriften, sind es insbesondere ihre Reportagebilder, die weite Verbreitung finden. Ihre erste publizierte Fotoreportage handelt von einem Puppentheater in Paris, es folgen Reportagen wie die über die Lebensbedingungen von Arbeiterinnen und Arbeitern im Norden Englands während der Wirtschaftskrise. Weitere Serien widmen sich gesellschaftskritischen Themen wie Armut, Prostitution, Demonstrationen und politische Gewalt.
Schreiben, Denken, Fotografieren
Mit ihrer Dissertation über die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und die Anfänge Fotografie verfasst Gisèle Freund eine der ersten soziologischen Studien über den Zusammenhang zwischen dem neuen Medium und gesellschaftlichen Entwicklungen. Im weiteren Verlauf ihres Lebens wendet sie sich immer wieder diesem Zusammenhang zu, ihre Monografie „Fotografie und Gesellschaft“ wird bis heute in der Forschung zitiert. Freund reflektiert schreibend über Fotografien – sei es in Form von Texten zu Reportagen oder von Aufsätzen und Büchern über das fotografische Medium, selbst. Ihre Texte sind von einem sowohl kritischen wie auch analytischen Blick auf Gesellschaft geprägt, den sie während ihres Studiums am Frankfurter Institut für Sozialforschung kennen lernt.
Freundschaften und Netzwerke
Mal freundschaftlich, mal intellektuell, mal beruflich, mitunter romantisch, manche Beziehungen waren nur für eine kurze Zeit bedeutsam, andere hielten lebenslang: Die Netzwerke, die Gisèle Freund insbesondere mit anderen Frauen aufbaute, waren essenziell für ihr Überleben während der Emigration und ihre berufliche Karriere in einem männlich dominierten Umfeld.
Zum ersten Mal wird in der Ausstellung das Leben und Werk der Fotografin durch die Linse des Geschlechts betrachtet. Dabei geraten sechs Frauen in den Blick, die Partnerinnen, Mentorinnen, Freundinnen oder Liebhaberinnen waren: Victoria Ocampo, Adrienne Monnier, Elisabeth Prévost, Frida Kahlo, Verna B. Carleton und Simone de Beauvoir.
Begleitprogramm
Das Rahmenprogramm folgt den Spuren Gisèle Freunds und fragt nach den Frauen, Freundschaften und Netzwerken, die ihren Weg begleiteten und nach ihrem eigenen Einfluss auf junge Fotografinnen. Gespräche, Filme, Führungen und kreative Formate eröffnen neue Perspektiven auf jüdische Erfahrung, Flucht und Neuanfang und zeigen, wie Freunds Blick bis heute nachwirkt.
Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog in deutscher und englischer Sprache mit vielen Fotografien und Essays von Griselda Pollock, Dorothee Linnemann und Anna Sophia Messner, einem Grußwort von Mirjam Wenzel und einer Einleitung der Kuratoren Lorraine Audric und Friedrich Tietjen.
OUT OF THE BOX wird in Zusammenarbeit mit dem Institut Mémoires de l’édition contemporaine (IMEC) realisiert und im Rahmen des Bicentenaire de la Photographie des französischen Ministère de la Culture präsentiert.
Das LVR Landesmuseum Bonn zeigt bis zum 7. Februar 2027 „Fluchtpunkt Paris. Gisèle Freund, Rogi André, Madame dʼOra".
Die Leica Galerie Frankfurt zeigt bis zum 10. Februar 2027 die Ausstellung „Echoes of the Past. Gisèle Freund im Spiegel heutiger Fotografie" mit Fotografien von Gisèle Freund, Jessica Backhaus und Andrea Hoyer.
Der Aufbau der Sammlung wurde ermöglicht mit freundlicher Unterstützung der Stadt Frankfurt und der Georg und Franziska Speyer’sche Hochschulstiftung.







Ausstellungsort:
Jüdisches Museum Frankfurt
Heute geöffnet: 10:00 – 18:00
- Museumsticket (Dauerausstellung Jüdisches Museum+Museum Judengasse) regulär/ermäßigt12€ / 6€
- Kombiticket (Wechselausstellung + Museumsticket) regulär/ermäßigt14€ / 7€
- Wechselausstellung regulär/ermäßigt10€ / 5€
- Familienkarte20€
- Frankfurt Pass/Kulturpass1€
- Am letzten Samstag des MonatsFrei
(ausgenommen Teilnehmer gebuchter Führungen)
- Eintritt nur Gebäude (Life Deli/Museumshop/Bibliothek)Frei
Freien Eintritt in die Ausstellungen genießen:
Mitglieder des Fördervereins
Geburtstagskinder jeden Alters
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre
Studenten der Goethe-Uni / FH / HfMDK
Auszubildende aus Frankfurt
Geflüchtete
Inhaber von Museumsufer-Card oder Museumsufer-Ticket
Inhaber der hessischen Ehrenamts-Card
Mitglieder von ICOM oder Museumsbund
Ermäßigung genießen:
Studenten / Auszubildende (ab 18 Jahren)
Menschen mit Behinderung ab 50 % GdB (1 Begleitperson frei)
Freiwilligendienstleistende (Freiwilliges Soziales Jahr, Freiwilliges Ökologisches Jahr, Bundesfreiwilligendienst oder Internationaler Jugendfreiwilligendienst)
Bezieher:innen von ALG II
Inhaber der Frankfurt Card
Bertha-Pappenheim-Platz 1, 60311 Frankfurt am Main