Das Jüdische Museum Frankfurt zeigt vom 3. September 2026 an die weltweit größte private Sammlung an besonderem Tora-Schmuck. Die Sammlung umfasst 72 Tora-Aufsätze (hebräisch: Rimonim) und wurde über 45 Jahre hinweg von dem heute 100-jährigen Norbert Cymbalista in Europa, Nordafrika, dem arabischen Raum und Asien zusammen-getragen. Die ersten Rimonim, die der Sammler erwarb, stammen aus Bagdad. Dort befand sich bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts die älteste Diaspora-Gemeinde, die auf die Zeit des so genannten babylonischen Exils (im Jahr 597-539 vor der Zeitrechnung) zurückgeht. Mit den Bagdad-Rimonim, die Ende 19./Anfang 20. Jahrhundert gefertigt wurden, begann die Sammlertätigkeit des Holocaust-Überlebenden und Philanthropen Dr. h.c. Norbert Cymbalista und seiner vor einem Jahr verstorbenen Frau Paulette s.A. Die Suche nach besonderen Rimonim führte das Ehepaar in jüdische Gemeinden in Europa, im südarabischen Raum über Nordafrika bis nach China. Einige Tora-Aufsätze haben sie auch auf Auktionen und im internationalen Kunsthandel erworben.
Mit der Dauerleihgabe der bedeutenden Sammlung von Tora-Aufsätzen erweitert das Jüdische Museum seine Dauerausstellung um kunstfertige Zeugnisse der globalen jüdischen Zeremonialkultur. Die Präsentation „Rimonim aus aller Welt: Die Cymbalista-Sammlung von Tora-Aufsätzen“ erinnert an die prosperierende jüdische Religionspraxis an Orten, deren jüdische Geschichte heute gemeinhin unbekannt ist. Zudem zeigt sie eindrucksvoll, wie sich jüdische Ritualkunst über Jahrhunderte hinweg weiterentwickelte und regionale Traditionen aufgriff. Die Formen, Materialien und Inschriften der Rimonim spiegeln die Vielfalt der jüdischer Gemeinden Asiens, Europas und Nordafrikas wider. Sie sind ein kunstvoller Ausdruck der verschiedenen Ausprägungen ein- und derselben religiösen Tradition und Zeugnisse der handwerklichen Meisterschaft in der weltweiten Silberschmiedekunst. Zugleich unterstreichen sie, dass jüdische Kultur stets von Migration und kulturellem Austausch geprägt war und bis heute ist.
Rimonim
Der hebräische Begriff für Tora-Aufsätze, Rimonim, bedeutet wörtlich übersetzt: Granatäpfel. Es handelt sich um eine Frucht, die auch auf zahleichen Tora-Aufsätzen und -Mänteln abgebildet ist und deren rote, vitaminhaltige Kerne die 613 Gebote und Verbote (hebräisch: Mitzwot) und den geistigen Reichtum der Tora symbolisieren. Die Tora-Aufsätze werden auf die beiden Holzstäbe gesteckt, die die Tora-Rolle halten. Sie bilden den krönenden Abschluss des Rituals, das nach der Tora-Lesung im Gottesdienst stattfindet. Am Beginn dieses Rituals steht das Zurollen und Zusammenbinden der Tora-Rolle sowie ihr Bekleiden mit einem Mantel. Anschließend werden das Tora-Schild sowie der Zeiger für die Tora-Lesung an die Holzstäbe gehängt, die Tora-Rolle durch die Betenden getragen und in den Tora-Schrein der Synagoge gebracht. Es ist eine besondere Ehre, die Tora aus diesem Schrein herausheben, durch die Gemeinde tragen und ent- oder bekleiden zu dürfen. Noch viel ehrenvoller ist es, am Schabbat (samstags) in der Synagoge zum Vorlesen aus der Tora aufgerufen zu werden. Denn die Tora, also die fünf Bücher Mose, gilt als heilige, unmittelbar von Gott stammende Schrift und ist daher wichtigster Bezugspunkt der jüdischen Religionspraxis.
Der bedeutende jüdische Gelehrte Maimonides (Mosche ben Maimon, auch Rambam genannt, 1138–1204) schrieb daher folgenden Satz zu Tora-Aufsätzen: „Die silbernen und goldenen Rimmonim, die zur Zierde der Torarolle gefertigt werden, sind Geräte der Heiligkeit.“
(Hilchot Sefer Torah 10:4)
Nobert Cymbalista
Norbert Cymbalista wurde am 8. Juli 1926 in Worms geboren und erlebte im Kindesalter die systematischen Diskriminierungen und Entrechtungen von Jüdinnen und Juden im nationalsozialistischen Deutschland. Am Tag der Machtübernahme eingeschult, musste er als Achtjähriger 1935 die staatliche Schule verlassen – es war das Ende seiner Schulzeit. Im Oktober 1938 wurde er gemeinsam mit Tausenden aus Osteuropa stammenden Juden im Rahmen der so genannten „Polenaktion“ abgeschoben und landete mit seinen Eltern im Niemandsland. Es gelang ihnen, mit dem Zug zurück nach Worms zu fahren. Dort erlebten sie das Novemberpogrom. In der Faschingsnacht im Februar 1939 floh der Zwölfjährige allein zu Fuß nach Belgien und kam im März 1939 bei seinem Onkel in Frankreich an. Bei Kriegsausbruch kehrte er nach Worms zurück, um auch seine Eltern zur Flucht zu bewegen. Sie folgten ihrem Sohn im Oktober 1939 nach Antwerpen, wurden wegen illegalen Grenzübertritts aber interniert und kamen erst im Mai 1940 wieder frei. Gemeinsam floh die Familie vor dem Vormarsch der deutschen Wehrmacht zu Fuß bis Marseille. Als die Vichy-Regierung im September 1942 begann, Juden zu deportieren, beschlossen Norbert Cymbalista und seine Eltern, den Grenzübertritt in die Schweiz zu wagen und fälschten ihre Ausweispapiere. Noch im Grenzgebiet wurden sie von der Polizei aufgegriffen und in drei verschiedene Internierungslager gebracht. Die Eltern blieben bis Kriegsende interniert, Norbert kam nach zwei Jahren dank eines Pfarrers frei und erlebte das Kriegsende am 8. Mai 1945 in Zürich.
Wie sich die Familie bei Internierung verpflichtet hatte, musste sie die Schweiz nach Kriegsende verlassen. Norbert Cymbalista wanderte zu Fuß nach Mailand. Dort ließ er sich 30 Jahre lang nieder, baute sich – ohne Schulausbildung und finanzielle Unterstützung – eine Karriere im Immobilien- und Finanzgeschäft auf und lernte seine Frau kennen. In den 70er Jahren verlegte das Paar ihren Hauptwohnsitz in die Schweiz.
Norbert Cymbalista, seine Eltern und zwei Cousinen und Cousins sind die einzigen Personen der weitverzweigten Familie, die die Schoa überlebt haben. Vor diesem Hintergrund macht es sich der Philanthrop zur Lebensaufgabe, die religiöse jüdische Kultur zu stärken. Er initiiert und baut die Cymbalista-Synagoge auf dem Campus der Universität Tel Aviv, die von dem Schweizer Architekten Mario Botta entworfen wird und säkularen wie orthodoxen Jüdinnen und Juden Raum bietet sowie ein Studien- und Dialogzentrum umfasst.
Die Form dieser Synagoge verweist auf die Tora-Rolle, auf deren Krönung, die Rimonim, sich seine Sammlerleidenschaft richtet.
Präsentation in der Georg Heuberger Bibliothek
Für die von Dr. Eva Atlan, stellvertretende Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt, kuratierte Präsentation der Cymbalista-Sammlung hat das Jüdische Museum Frankfurt eigens eine große Wandvitrine angefertigt und in die Bibliothek eingebaut, die nach dem Gründungsdirektor des Museums, Georg Heuberger, benannt ist. Die mit Samt ausgekleidete Vitrine setzt die Tora-Aufsätze erstmals als Ensemble in Szene. Neben den 72 Rimonim (insgesamt 144 Einzelobjekten), ist in der Wandvitrine auch eine sehr seltene Miniatur-Tora-Rolle mit -Mantel und -Aufsätzen zu sehen. Die Rolle und ihr Schmuck stammen aus Hamburg und wurden im 18. Jahrhundert gefertigt. Auch sie sind eine Leihgabe von Norbert Cymbalista.
Im Zentrum der Vitrine werden in regelmäßigem Wechsel einzelne Rimonim als Highlights präsentiert. Den Anfang machen Tora-Aufsätze aus Tunesien, die in einer einzigartigen Verbindung von Holz, Silber und vergoldetem Silber gefertigt sind. Hängende Ketten mit gedrehten Gliedern und Glöckchen weisen auf einen italienischen Einfluss hin. Im oberen Teil, einem sechseckigen Zylinder, befinden sich florale Gravierungen und hebräische Inschriften. Sie zeigen exemplarisch, wie filigran die Handwerkskunst ist, die die Anfertigung von Rimonim bis heute erfordert.
Ergänzend zur Vitrinen-Präsentation liegen Tablets bereit, auf denen Besucherinnen und Besucher ein Interview zur Lebensgeschichte von Norbert Cymbalista, Informationen zur Provenienz der Rimonim sowie zu den Gemeinden abrufen können, aus denen sie stammen.
Die Präsentation „Rimonim aus aller Welt: Die Cymbalista-Sammlung von Tora-Aufsätzen“ ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr ohne Anmeldung und ohne Eintrittskarte in der Georg Heuberger Bibliothek des Jüdischen Museums Frankfurt zu sehen.
Pressematerial zum Download
- Neue Vitrine in der Bibliothek des Jüdischen Museums Frankfurt © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto: Christian Preiser (Download JPG)
- Blick in die Vitrine © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto: Christian Preiser (Download JPG)
- Objekt des Monats, Rimonim aus Tunesien © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto: Herbert Fischer (Download JPG)
- Norbert Cymbalista © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto: Christian Preiser (Download JPG)
- Norbert Cymbalista und Eva Atlan © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto: Christian Preiser (Download JPG)