Das Jüdische Museum Frankfurt zeigt ab dem 17. April 2026 die multimediale Ausstellung „MISHPOCHA. The Art of Collaboration“, die gemeinsam mit Atelier Markgraph unter der künstlerischen Leitung des US-amerikanischen Musikers, Musik- und Kulturproduzenten Mike D entwickelt wurde. Im Rahmen von World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 lädt die Ausstellung mit zeitgenössischen Kunstwerken, interaktiven Musikstationen, immersiven Installationen und farbintensiven Räumen zu einem ganzheitlichen Erlebnis ein, das Gemeinschaft reflektiert und zugleich erfahrbar macht. Das innovative Projekt, mit dem das Jüdische Museum Frankfurt sein Selbstverständnis als „Museum ohne Mauern“ ausbaut, steht unter der Schirmherrschaft des Hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein. Eine frei nutzbare „Open Stage“ auf dem Bertha-Pappenheim-Platz, Konzerte, Performances, Workshops, Gesprächsdinner und weitere Formate erweitern die Ausstellung um Happenings im Stadtraum und beziehen junge und Popkultur-affine Menschen mit ein. Im Zentrum steht dabei die Frage, was Familie heute bedeutet: eine Gruppe von miteinander verwandten Menschen? Ein Freundeskreis, in dem alle dasselbe Lebensgefühlt teilen? Die Gemeinschaft, die in der kreativen Zusammenarbeit entsteht?
Kreative Zusammenarbeit, Familie und Gemeinschaft
Die Ausstellung „MISHPOCHA. The Art of Collaboration“ verleiht dem jiddischen Begriff „Mischpoche“ (im amerikanischen Jiddisch „Mishpocha“) verschiedene Bedeutungen – von der traditionellen Familie bis hin zu der Gemeinschaft, die durch kreative Zusammenarbeit und geteilte Erfahrung entsteht. Ausgangs- und Bezugspunkt ist dabei die Überzeugung von Mike D, dass Neues nur in einem Crossover aus verschiedenen Musikstilen und der Zusammenarbeit von Künstlerinnen und Künstlern verschiedener Disziplinen entstehen kann: „Wir konnten all dies nur dank der großartigen Menschen erreichen, denen wir begegnet sind und mit denen wir zusammengearbeitet haben“, sagte er bei den Ausstellungsvorbereitungen zu dem Fotografen Jan Zappner in Reflexion über die Geschichte der Beastie Boys. Nach seinem ersten Besuch der verschiedenen Häuser des Jüdischen Museums Frankfurt und einem gemeinsamen Ideenworkshop im Frühjahr 2024 entschied sich der Musiker und Kulturproduzent aus Kalifornien, die künstlerische Leitung für das Projekt „MISHPOCHA. The Art of Collaboration“ zu übernehmen. Er ist seither mehrfach nach Frankfurt gekommen, um das Konzept mit gemeinsam mit Beteiligten aus dem Jüdischen Museum, Atelier Markgraph und der IMA Clique sowie eigens beauftragten Künstlern zu erarbeiten.
Mit „MISHPOCHA. The Art of Collaboration“ erweitert das Jüdische Museum Frankfurt nicht nur seine Perspektive auf das Thema Familie, sondern auch seine bisherige Vorgehensweise in der Ausstellungsproduktion. Das Konzept von MSHPOCHA wurde nicht auf Grundlage von wissenschaftlicher, künstlerischer oder kuratorischer Forschung, sondern in einem kollaborativen Prozess zwischen musikalischen und künstlerischen Perspektiven, kuratorischen und thematischen Reflexionen, Design und Produktion entwickelt. Dessen Ergebnis ist eine immersive und interaktive Ausstellung sowie ein kulturelles Programm, die zu gemeinschaftlichen, sinnlichen Erleben, Begegnung und kreativer Zusammenarbeit einladen.
Ausstellungsparcours in vier Räumen
Der Rundgang ist als ein Parcours durch sechs farbintensive Ausstellungsräume konzipiert, die jeweils eigene Zugänge zum Thema Gemeinschaft und Gemeinschaftserfahrung eröffnen.
Der erste Raum widmet sich dem Begriff „Mischpoche“ selbst. Er präsentiert die eigens von Jan Henning entwickelte Soundinstallation „The Sound of Mishpocha“, in der etwa 30 Stimmen in verschiedenen Sprachen der Frage nachgehen, was Mischpoche für sie bedeutet.
Der zweite Raum trägt den Titel „ROOTS“. Hier stehen Herkunft, Erinnerung und Verlust im Mittelpunkt. Acht verschiedene zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler gehen hier in Malerei, Fotografie, Film, Skulptur und Mixed Media-Installation den eigenen Familiengeschichten nach und erzählen von Flucht und Migration, der Suche nach Zugehörigkeit, Verlust und Erinnerung an Gewalt.
Zwischen dem zweiten und dem dritten großen Ausstellungsraum vollzieht der Rundgang einen thematischen Übergang in Form von zwei Kabinetträumen: Der erste präsentiert Arbeiten von zwei Künstlern aus dem Umfeld der Beastie Boys, der zweite einen Durchgang zu einer intensiven Farbfläche, neben der sich der nächste Raum öffnet.
Der dritte Raum „MIX“ verdichtet den Parcours zu einem multimedialen Erlebnis. Eine interaktive 360 Grad-Mehrkanal-Videoinstallation verbindet Klang, Licht und Projektionen zu einer immersiven Umgebung, die verschiedene musikalische Genres und die sie begleitenden Szenen, nämlich Punk, Riot Grrrl, Hip Hop und Rave erfahrbar macht. Im Zentrum des Raums lädt ein Mischpult die Besucherinnen und Besucher dazu ein, die Projektionen mit grafischen Elementen, farblichen Stimmungen und visuellen Effekte zu verändern. Der Raum macht erfahrbar, was die Szenen auszeichnet, welches Gemeinschaftsgefühl mit ihnen entsteht und wie Teilhabe an Musikkultur aussehen kann.
Der vierte und letzte Raum des Rundgangs „PLAY“ lädt dazu ein, selbst Musik zu machen. Hier befinden sich vier interaktive Stationen mit Mischpulten zu den verschiedenen Facetten elektronischer Musik. Verschiedene Tasten und ein Mikrophon fordern die Besucherinnen und Besucher auf, selbst aktiv zu werden, Geräusche, Beats und Töne zu sampeln und im gemeinsamen Spiel neue Stücke zu entwickeln.
Kunst, Popkultur und Gegenwart
Die Ausstellung bringt internationale Künstlerinnen und Künstler aus zeitgenössischer Kunst und Musikkultur zusammen. Bereits vor dem Museum ist die Skulptur "OY/YO" von Deborah Kass zu sehen, die in popkultureller Bildsprache den jiddischen Ausdruck „Oy“ mit mit der Slang-Begrüßung „Yo“ verbindet. Im zweiten Raum der Ausstellung an zentraler Stelle wird Jan Zappners fotografisches Essay-Projekt „Mischpoche. Being Jewish, however“ (2022) präsentiert, das er für die Ausstellung um Fotos und ein Gespräch mit Mke D erweitert hat. Begrüßt werden die Besucherinnen und Besucher in diesem Raum von Nirit Takeles Gemälde „Memory’s Touch“ (Acryl auf Leinwand, 2025) sowie Shimon Wandas Print „Brotherhood“ (2021) und seiner Plastik „Masa“ (hebräisch: Reise, 3 D-Druck, 2025), die in Erinnerung an die Flucht der Familien beider Künstler aus Äthiopien nach Israel entstanden sind. Dem steht die Zwei-Kanal-Video-Installation „The Library Room“ von Ira Eduardova (2009) zur Seite, die sich der Auswahl an Gegenständen widmet, welche die Familie der Künstlerin vor der Emigration aus Usbekistan nach Israel vornehmen musste. Die drei Gemälde von Hetain Patel „Phantom Family“, „Cavalier Phui & Ben“, „Baa’s Gold“ (Acryl und Lack auf Karton, 2021 /2023) gehen auf Familienfotos ein und thematisieren, ebenso wie Jessica Ostrowicz Skulptur „Grandma’s Plates“ (Porzellan, Steine, farbiges Silikon, 2019/20) Gewalterfahrungen und Brüchigkeit von Biografien mit Flucht- und Migrationserfahrung. Dem zur Seite steht Beatrice Moumdjians Mixed Media-Installation „Forensic Excavations Inventory or the Total Deconstruction of an Armenian Family“ (2027-2026), die sich den Nachwirkungen des armenischen Genozids im Familiengedächtnis widmet. Im Zentrum des Raums ist Alica Khaets Animationsfilm „Feferle“ (2024) zu sehen, der der Frage nachgeht, wie sehr die eigene Wahrnehmung von der Erfahrung der Vorfahren geprägt wird.
In dem anschließenden Kabinettraum werden die drei Gemälde „Endurance“, „Where do we go together“ (Acryl auf Leinwand, 2021) und „Us as an Interface“ (Acryl auf Leinwand, 2023) von Geoff McFetridge präsentiert, die zwischenmenschliche Beziehungen in visuell eingängige Formen übertragen. Ihnen zur Seite stehen die C-Printfotografien „One Love Leads to Another“ und „My inheritance“ von Tammy Rae Carland aus ihrer Serie „Archive of Feelings“ (2008), die nach dem Tod ihrer Mutter entstanden sind und das Verhältnis der Riot Grrrl-Künstlerin und Musikerin zu ihrem familiären Erbe thematisieren.
Die interaktive Mehr-Kanal-Videoinstallation im dritten Raum präsentiert Fotos von Sandra Mann, Daniel Herrmann und Jennifer Finch sowie Bilder und Videos von Konzerten der frühen Riot Grrl-, Punk-, Hip Hop-Bewegung sowie der Rave-Szene zu einem Sound, den Mike D ausgewählt hat.
Open Stage und Programm im Stadtraum
Ein zentraler Bestandteil von "MISHPOCHA. The Art of Collaboration" ist das kulturelle Programm rund um das Museum. Der Vorplatz wird während der Laufzeit zu einer offenen Bühne: Die „MISHPOCHA Open Stage“ bietet Bands, Musikerinnen und Musikern, DJs, Spoken Word-Poeten, Tänzerinnen und Tänzern sowie Schulbands eine Bühne für Musik, Tanz, Poetry und Performance. Sie können hier jederzeit spontan und auch ohne Anmeldung, mit kuratorischer und technischer Unterstützung freitags von 16 bis 22 Uhr (Anmeldungen hierfür an veranstaltungen.jmf@stadt-frankfurt.de) auftreten. Der offenen Einladung steht ein kuratiertes Programm zur Seite aus Konzerten, Jam-Sessions, Performances, Artist-Talks, Diskussionen, Workshops und weiteren besonderen Formaten wie etwa einem Dinner in der Bar Shuka. Besonders wichtig für das Projekt sind die Angebote für junge Menschen wie etwa die regelmäßig stattfindenden Hip-Hop-Workshops im „PLAY“-Raum der Ausstellung und an der eigens geschaffenen Loop-Station von Fabian Werfel, deren Ergebnisse auf der Open Stage präsentiert werden. Das Programm entspricht dem Crossover-Charakter der Ausstellung und dem Selbstverständnis des Jüdischen Museums als „Museum ohne Mauern“.
Ein Projekt für die Region
„MISHPOCHA. The Art of Collaboration“ erstreckt sich über Frankfurt hinaus in die Rhein-Main-Region. Zwei Satelliten-Ausstellungen greifen zentrale Themen des Projekts auf:
Das Kunsthaus Wiesbaden präsentiert mit „Memory in Action“ bis zum 28. Juni 2026 eine Einzelausstellung des bekannten argentinischen Künstlers, Fotografen und Menschenrechtsaktivisten Marcelo Brodsky, die um die Erinnerung an Gewaltverbrechen und die Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung kreist.
In den Opelvillen Rüsselsheim ist ab dem 30. April 2026 die Ausstellung „Unter die Haut. Tattoos im Blick“ zu sehen, die sich der künstlerischen Praxis von Tätowierungen und deren kultureller Bedeutung anhand von Zeichnungen, Fotografien und weiterer Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern widmet, von denen viele auch selbst tätowieren.
Unterstützung
Das Jüdische Museum Frankfurt bedankt sich für die großzügige Unterstützung bei dem Kulturfonds Frankfurt RheinMain, der World Design Capital GmbH 2026, der Commerzbank-Stiftung, der Georg und Franziska Speyer’schen Hochschulstiftung, der Ernst Max von Grunelius-Stiftung, bei dem Bankhaus Metzler, bei der Dr. Hans Feith und Dr. Elisabeth Feith-Stiftung, bei der Fazit-Stiftung sowie bei der Gesellschaft der Freunde und Förderern des Jüdischen Museums.
Pressematerial zum Download
- Factsheet zur Ausstellung (Download PDF)
- Lebenslauf Mike D (Download PDF)
- Pressemitteilung "MISHPOCHA. The Art of Collaboration" (Download PDF)
- Mike D © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto: Jan Zappner (Download JPG)
- Mix © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto: Norbert Miguletz (Download JPG)
- Deborah Kass, OY/YO, 2016 © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto: Norbert Miguletz (Download JPG)
- Mike D © Jüdisches Museum Frankfurt, Fotos: Marc Krause (Download JPG1, JPG2)