

Die einzigartige Sammlung von Norbert Cymbalista umfasst Tora-Aufsätze aus Europa, Nordafrika, dem arabischen Raum und Ostasien. Die Schmuckstücke weisen eine große Vielfalt an Formen wie auch Materialien auf und zeigen, wie Migration und kultureller Austausch die Weiterentwicklung der jüdischen Tradition geprägt haben. Zugleich unterstreichen sie den Zusammenhalt der jüdischen Gemeinschaft, die seit Jahrhunderten weltweit dieselben zeremoniellen Riten pflegt.
Mit der Präsentation von 72 Rimonim zeigt das Jüdische Museum Frankfurt vom 3. September an erstmals eine der bedeutendsten privaten Judaica-Sammlungen in ihrer Gesamtheit: in einer großflächigen Vitrine in der eigens hierfür umgebauten Bibliothek. Auf ausliegenden Tablets ist nebst Informationen zu den Objekten auch ein Interview mit Norbert Cymbalista zu sehen, der vor nunmehr 100 Jahren in Worms geboren wurde.
„Rimonim aus aller Welt: Die Cymbalista-Sammlung von Tora-Aufsätzen“ eröffnet einen außergewöhnlichen Zugang zur Vielfalt jüdischer Ritualkunst und verbindet ästhetische Faszination mit einer transnationalen Perspektive auf jüdische Kultur.
Norbert Cymbalista – Ein bewegtes Jahrhundert
Norbert Cymbalista wurde am 8. Juli 1926 in Worms geboren und erlebte im Kindesalter die systematischen Diskriminierungen und Entrechtungen von Jüdinnen und Juden im nationalsozialistischen Deutschland. Am Tag der Machtübernahme eingeschult, musste er als Achtjähriger 1935 die staatliche Schule verlassen. Im Oktober 1938 wurde er gemeinsam mit Tausenden aus Osteuropa stammenden Juden im Rahmen der so genannten „Polenaktion“ abgeschoben und landete mit seinen Eltern im Niemandsland. Es gelang ihnen, mit dem Zug zurück nach Worms zu fahren. Dort erlebten sie das Novemberpogrom.
In der Faschingsnacht im Februar 1939 floh der Zwölfjährige allein zu Fuß nach Belgien und kam im März 1939 bei seinem Onkel in Frankreich an. Bei Kriegsausbruch kehrte er nach Worms zurück, um auch seine Eltern zur Flucht zu bewegen. Sie folgten ihrem Sohn im Oktober 1939 nach Antwerpen, wurden wegen illegalen Grenzübertritts aber interniert und kamen erst im Mai 1940 wieder frei. Gemeinsam floh die Familie vor dem Vormarsch der deutschen Wehrmacht zu Fuß nach Marseille. Als die Vichy-Regierung im September 1942 begann, Juden zu deportieren, beschlossen Norbert Cymbalista und seine Eltern, den Grenzübertritt in die Schweiz zu wagen und fälschten ihre Ausweispapiere. Noch im Grenzgebiet wurden sie von der Polizei aufgegriffen und in drei verschiedene Internierungslager gebracht. Die Eltern blieben bis Kriegsende interniert, Norbert kam nach zwei Jahren dank eines Priesters frei und erlebte das Kriegsende am 8. Mai 1945 in Zürich.
Wegen fehlender Ausweispapiere musste die Familie die Schweiz erneut verlassen. Norbert Cymbalista wanderte zu Fuß nach Mailand. Dort ließ er sich 30 Jahre lang nieder, baute sich – ohne Schulausbildung und finanzielle Unterstützung – eine Karriere im Immobilien- und Finanzgeschäft auf und lernte seine Frau kennen. In den 70er Jahren verlegte das Paar ihren Hauptwohnsitz in die Schweiz.
Norbert Cymbalista, seine Eltern und zwei Cousinen und Cousins sind die einzigen Personen der weitverzweigten Familie, die die Schoa überlebt haben. Vor diesem Hintergrund macht es sich der Philanthrop zur Lebensaufgabe, die religiöse jüdische Kultur zu stärken. Er initiiert und baut die Cymbalista-Synagoge auf dem Campus der Universität Tel Aviv, die von dem Schweizer Architekten Mario Botta entworfen wird und säkularen wie orthodoxen Jüdinnen und Juden Raum bietet sowie ein Studien- und Dialogzentrum umfasst. Die Form dieser Synagoge verweist auf die Tora-Rolle, auf deren Krönung, die Rimonim, sich seine Sammlerleidenschaft richtet.
Was sind Rimonim (Tora-Aufsätze)?
Rimonim (hebräisch: רִמּוֹנִים, Singular: Rimon; wörtlich „Granatäpfel“) sind kunstvoll gestaltete Tora-Aufsätze, die auf die beiden Holzstäbe (Atzei Chajim, „Bäume des Lebens“) einer Tora-Rolle gesetzt werden. Sie gehören zu den wichtigsten Schmuck- und Ausstattungsstücken einer Tora-Rolle und sind Teil der jüdischen Ritualkunst (Judaica).
Ihren Namen verdanken sie ihrer häufig an den Granatapfel erinnernden Form. In der jüdischen Tradition gilt der Granatapfel als Symbol für Fruchtbarkeit, Fülle und die Gebote der Tora.
Rimonim bringen die besondere Wertschätzung zum Ausdruck, die der Tora als heiligem Text entgegengebracht wird. Nach jüdischem Religionsrecht zählen sie zu den Taschmische Keduscha („Geräten der Heiligkeit“), da sie unmittelbar der Tora-Rolle dienen.
Als kunsthistorische Zeugnisse spiegeln Rimonim die Vielfalt jüdischer Gemeinden weltweit wider. Ihre Formen, Materialien und Verzierungen unterscheiden sich je nach Herkunftsregion und Entstehungszeit und erzählen von religiösen Traditionen, handwerklichen Techniken, kulturellem Austausch sowie den Lebenswelten jüdischer Gemeinschaften in Europa, Nordafrika, dem Nahen Osten und Asien. Daher sind sie nicht nur liturgische Objekte, sondern auch bedeutende Quellen zur jüdischen Kultur- und Migrationsgeschichte.
Kuratorinnen-Führungen
An den Donnerstagen 15. Oktober, 29. Oktober und 05. November 2026 bietet Dr. Eva Atlan, als Kuratorin für die neue Präsentation verantwortlich, jeweils um 18 Uhr eine Einführung in die Cymbalista-Sammlung und führt dann weiter zu den Judaica-Objekten in der Dauerausstellung.
Die Teilnahme ist im Museumseintritt inbegriffen. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Platzreservierungen unter: juedischesmuseum.de/tickets
Ausstellungsort:
Bibliothek im Jüdischen Museum
Heute geöffnet: 10:00 – 18:00
Der Eintritt zur Museumsbibliothek ist kostenfrei.
Bertha-Pappenheim-Platz 1, 60329 Frankfurt am Main