Antiker Grabstein in der Ausstellung "Die Weibliche Seite Gottes"

Von weiblichen Seiten Gottes und Vorbildern der (jüdischen) Frauenbewegung:

Rundgang durch die erste Wechselausstellung im neuen Jüdischen Museum
Porträt Kathrin Schön
08. Dezember 2020Kathrin Schön

Die Monacensia im Hildebrandhaus lädt unter dem Hashtag #femaleheritage zur Blogparade "Frauen und Erinnerungskultur" ein. Das Ziel: Frauen in der Erinnerungskultur präsenter machen und das Bewusstsein für ihr Werk und ihr Wirken stärken. Dem Aufruf zur Blogparade kommen wir gerne mit diesem Beitrag nach.

Genau zehn Tage hatte die erste Wechselausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt Die weibliche Seite Gottes geöffnet, bevor der zweite Lockdown begann und sämtliche Kulturinstitutionen vorerst wieder ihre Türen schließen mussten. Viel zu kurz, um Besuchenden Raum für die persönliche Auseinandersetzung mit den Themen und Artefakten der Ausstellung zu geben: den antiken archäologischen Objekten, den mittelalterlichen Illustrationen, den Votivbildern der Renaissance und den zeitgenössischen Kunstwerken, den bemerkenswerten Biografien weiblicher Persönlichkeiten und den Spuren weiblicher Gottesvorstellungen in den monotheistischen Religionen.

Blick in die Ausstellung "Die Weibliche Seite Gottes" im Jüdischen Museum Frankfurt
Blick in die Ausstellung "Die Weibliche Seite Gottes". CC-BY 4.0 Jüdisches Museum Frankfurt. Foto: Norbert Miguletz

Grund genug also, um die Vorfreude auf die Wiedereröffnung zu steigern und hier einen Blick auf einen Teil der Ausstellung zu werfen, die zwar einen kulturhistorischen Bogen von der Antike bis in die Gegenwart spannt, bei der sich jedoch auch die Frage nach einer feministischen Lesart aufdrängt.

Denn die Ausstellung nimmt nicht nur historische Artefakte und Kunstwerke, sondern auch beispielhafte Biografien und Gegenstände weiblicher jüdischer Persönlichkeiten in den Blick, die für sich eine aktive und gestaltende Rolle in der Ausübung religiöser Praktiken beanspruchten.

Eine spätantike Synagogenvorsteherin

Antiker Grabstein in der Ausstellung
Antiker Grabstein der Synagogenvorsteherin Sophie in der Ausstellung "Die Weibliche Seite Gottes". CC-BY 4.0 Jüdisches Museum Frankfurt. Foto: Norbert Miguletz

Ein bemerkenswertes Beispiel dafür ist ein auf den ersten Blick eher unscheinbar wirkendes Objekt der Ausstellung: ein Grabstein mit griechischer Inschrift aus dem 1. bis 2. Jahrhundert unserer Zeit. Die Grabplakette ist einer Frau namens Sophia gewidmet, die als "Presbytera" und "Archisynagogissa" bezeichnet wird. Der Titel "Presbytera" lässt die Vermutung zu, dass es sich bei ihr um eine Priesterin gehandelt haben könnte. Eindeutig ist hingegen die Nennung von "Archisynagogissa", womit die weibliche Form des bedeutenden Amts des Synagogenvorstandes gemeint ist. Frauen wie Sophia waren im Mittelmeerraum in der Spätantike also nicht gänzlich aus der amtlichen Rangordnung der jüdischen Gemeinden ausgeschlossen, sondern übernahmen verantwortungsvolle Aufgaben.

Der Exkurs zu weiblichen Persönlichkeiten, die sich für die Teilhabe an rituellen Handlungen einsetzten, führt uns in der Ausstellung vom Mittelmeer an den Main. Hier in Frankfurt wirkteAnfang des 20. Jahrhunderts nicht nur die jüdische Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim (27.02.1859 – 28.05.1936); nur einen Steinwurf entfernt im benachbarten Offenbach wurde Regina Jonas (03.08.1902 – 12.10.1944) als erste Frau überhaupt zur Rabbinerin ordiniert.

Lautstarke Frauenrechtlerin: Bertha Pappenheim

Straßenschild des Bertha-Pappenheim-Platzes Frankfurt
Der Vorplatz des neuen Jüdischen Museums wurde, nach einer Umfrage unter unseren Besucher*innen, Bertha-Pappenheim-Platz benannt. CC-BY 4.0 Jüdisches Museum Frankfurt. Foto: Norbert Miguletz

Bertha Pappenheim begann sich karitativ für junge Frauen zu engagieren, nachdem sie mit Ihrer Familie Ende des 19. Jahrhunderts von Wien nach Frankfurt gezogen war. 1904 gründete sie hier den reichsweiten Jüdischen Frauenbund. 1907 folgte im nahe gelegenen Neu-Isenburg die Gründung eines Heims für gefährdete Mädchen und nichteheliche Mütter. Bertha Pappenheim kritisierte die mangelnden Bildungschancen für junge Frauen und betrieb bis zu ihrem Tod 1936 unermüdliche Aufklärungskampagnen gegen Prostitution und Mädchenhandel.

Weltweit erste ordinierte Rabbinerin: Regina Jonas

Porträt Regina Jonas
Sie wurde als erste Frau überhaupt zur Rabbinerin ordiniert: Regina Jonas (1901-1944)

Das Engagement im Jüdischen Frauenbund verbindet Bertha Pappenheim mit Regina Jonas. Sie wurde nach ihrem Studium an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin 1935 vom Offenbacher Rabbiner Max Dienemann zur ersten weiblichen Rabbinerin ordiniert. Obwohl es ihr gegenüber als Frau Vorbehalte gab, attestierte ihr Dienemann die Fähigkeit Fragen des jüdischen Religionsgesetztes zu beantworten und das Amt der Rabbinerin zu bekleiden. In ihrer Abschlussarbeit hatte Jonas noch die Frage gestellt "Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?" Diese Frage beantwortete Dienemann mit einem klaren "Ja!".

Rund 35 Jahre nach der Ordination von Regina Jonas in Offenbach entwickelte sich in US-amerikanischen jüdischen Gemeinden eine feministische Bewegung mit dem Ziel, den Status und die Rollen von Frauen im religiösen Leben zu verändern und zu gestalten. Im Zuge dieser Selbstermächtigung bedienten sich jüdische Aktivistinnen und Künstlerinnen nicht nur historischen weiblichen Persönlichkeiten, sondern auch biblischen und talmudischen (Anti-) Heldinnen, deren Geschichten sie in ihren Kunstwerken reflektierten. Figuren wie Lilith, aber auch Jalta und Berurja avancierten zu Vorbildern des jüdischen Feminismus.

Exkurs: Jalta und Berurja

Jalta lebte vor 2000 Jahren und war die Ehefrau eines Gelehrten namens Nachman. Nachdem ein Gast sie an der eigenen Tafel gemaßregelt hatte, als sie – und nicht ihr Ehemann – den Segen über den Wein sprechen wollte, zerschlug sie aus Wut über diese Ungleichbehandlung kurzerhand 400 Krüge im heimischen Weinkeller und ließ ihre Gäste absichtlich auf dem Trockenen sitzen.

Berurja gehört zu den Frauenfiguren, die im Talmud namentlich erwähnt werden. Sie galt zu ihren Lebzeiten um das Jahr 200 als so gebildet, dass ihre Meinung zum jüdischen Religionsgesetz sogar im Talmud berücksichtig wurde, obwohl Frauen an den rabbinischen Diskussionen um die Auslegung der Tora nicht beteiligt waren.

Die "Jungfrau von Ludimir" Rachel Werbermacher

Besondere Aufmerksamkeit kommt vor diesem Hintergrund auch der historisch belegten Figur der sogenannten "Jungfrau von Ludimir" zu. Sie wirkte im 19. Jahrhundert als "weiblicher Rebbe" und spirituelle Anführerin in einer chassidischen Gemeinschaft in Wolhynien, einer historischen Landschaft in der heutigen Westukraine. Geboren als Rachel Werbermacher im Jahre 1805, erbte Sie als einziges Kind ihrer früh verstorbenen Eltern deren gesamtes Vermögen. Dies erlaubte ihr eine wirtschaftliche Unabhängigkeit und die Möglichkeit sich für einen ungewöhnlichen Lebensweg zu entscheiden. Sie verwandelte ihr Zuhause in einen Ort des Gebets, an dem sie unterrichtete und chassidische Gläubige empfing, die sich mit spirituellen Fragen und Bitten an Sie wandten.

Doch nicht nur das - sie beanspruchte beim Gebet sämtliche Praktiken für sich, die traditionellerweise Männern vorbehalten waren: sie trug einen Gebetsschal, legte Gebetsriemen an, lehrte die Tora und spendete Segnungen. Ihre Anhänger nannten sie deswegen auch "heilige Rabbinerin Hannah Rachel". Um 1860 wanderte sie nach Palästina aus, wo Sie bis zu ihrem Lebensende 1888 als Führerin einer kleinen chassidischen Gemeinde in Jerusalem agierte.

Ihre bemerkenswerte Biografie greift die Künstlerin Ofri Cnaani in ihrem 2014 entstanden Werk "The Virgin of Ludmir (anotated)" auf. Grundlage ihrer Arbeit ist ein von Johanan Tversky 1955 erschienenes Buch über Rachel Werbermacher, das die Künstlerin in ihrer Arbeit selbstbewusst verfremdet, bildlich erweitert und kommentiert und so das Bild einer jüdischen Galionsfigur mit hohem Identifikationspotential gestaltet.

Fragen nach der Ausstellung

Blick in den Vermittlungsraum der Ausstellung "Die Weibliche Seite Gottes".
Blick in den Vermittlungsraum der Ausstellung "Die Weibliche Seite Gottes". CC-BY 4.0 Jüdisches Museum Frankfurt. Foto: Norbert Miguletz

Zwangsläufig fragt man sich nach dem Ausstellungsbesuch der "Weiblichen Seite Gottes" selbst, welche weiblichen Persönlichkeiten einen auf dem eigenen Lebensweg geprägt haben, was eine Seite als solche überhaupt weiblich macht und welche gesellschaftlichen Regeln man selbst schonmal hinterfragt oder gar gebrochen hat. Raum für diese Fragen bietet der Vermittlungsraum zur Wechselausstellung, der, als Satellit im Orbit der der Ausstellung, Raum zur Vertiefung und Selbstreflexion schafft.

Kathrin Schön

Kommentare

Es wäre schön, wenn Sie die Tipp- und Rechtschreibfehler ausbessern würden Bildunterschrift: Regina Sie / Sie / Ihre fälschlicherweise groß

04.01.2021 • Anna Karg

@Anna Karg: Vielen Dank für Ihre aufmerksamen inweise, wir haben das korrigiert.

05.01.2021 • Onlineredaktiom JMF

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