Rosy Lilienfeld, David Alroy befreit sich aus dem Gefängnis, 1933

Das Ende war nah!

Rosy Lilienfelds Messias-Bilder und die ostjüdische Erzähltradition
Dennis Eiler
15. September 2020Dennis Eiler

In unserer Sammlung befindet sich eine Reihe von Zeichnungen mit messianischen Motiven der Frankfurter expressionistischen Künstlerin Rosy Lilienfeld. Dennis Eiler hat sie sich näher angesehen.

Der Lebensweg der Frankfurter Künstlerin Rosy Lilienfeld kann nur bruchstückhaft rekonstruiert werden. In diesem Beitrag zeichnete unsere Sammlungsleiterin, Eva Atlan, die wichtigsten Stationen ihres Lebensweges nach und berichtet von den vielfältigen Motiven in Lilienfelds Werk.

Im Jahr 1990 konnten wir einzelne Handzeichnungen der Künstlerin für unsere Sammlung erwerben. Sechs Blätter davon zeigen drei legendäre Figuren der jüdischen Geschichte und ermöglichen uns einen Einblick in Lilienfelds Lebenswirklichkeit. Die Betrachtung dieser Blätter verschlägt uns auf eine Spurensuche in die Welt ostjüdischer Legenden und ihren Platz innerhalb der deutschen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts.

Auf der Suche nach literarischen Grundlagen

Die Zeichnungen sind mit dem Jahr 1933 datiert, tragen aber keine Titel. Stilistisch ähneln sie der Mappe zum selbsternannten Messias Schabbtai Zwi, die etwa zur gleichen Zeit entstand und sich heute im Jüdischen Museum Berlin befindet. Es ist anzunehmen, dass es sich bei unseren Einzelblättern um Fragmente zusammenhängender Serien handelt. Alle uns bekannten Zeichnungen Lilienfelds, die seit dem Ende der 1920er Jahre entstanden, beziehen sich direkt und textnah auf literarische Grundlagen. Um herauszufinden, wer die dargestellten Personen sind und wie die Grafiken im Werk der Künstlerin einzuordnen sind, wollen wir versuchen ihre literarischen Inspirationsquellen aufzuspüren.

Bilder zur Legende des Baalschem

Rosy Lilienfeld, Bilder zur Legende des Baal-Schem, 1935
Rosy Lilienfeld, Bilder zur Legende des Baal-Schem, 1935

Den ersten Hinweis liefert uns die einzige Veröffentlichung der Künstlerin in Buchform: die Bilder zur Legende des Baalschem von 1935 zum Leben des Baal-Schem-Tov. Baal-Schem-Tov bedeutet ‚Herr des guten Namens‘ und ist der ehrenvolle Titel des Gründervaters des Chassidismus, Israel ben Elieser.

Der osteuropäische Chassidismus ist eine mystisch begründete Strömung, die heute einen kleinen, aber sichtbaren Zweig innerhalb des ultraorthodoxen Judentums ausmacht. Sie bildete sich im 18. Jahrhundert in Folge der Verehrung für diesen umherreisenden Wunderheiler, Weissager und Dämonenaustreiber aus der Ukraine. Durch den Einfluss der Kabbala hat die sinnlich-emotionale Gotteserfahrung in der chassidischen Frömmigkeitslehre den gleichen Stellenwert wie die traditionelle schriftbasierte Gelehrsamkeit. Mit den Niederschriften der Lehren und des Lebensweges des Baal-Schem hob sich eine volkstümliche Erzähltradition an, die weite Kreise zog und uns manchmal an vielleicht unerwarteter Stelle begegnet.

Chassidische Legenden kommen nach Deutschland

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erfasste eine ganze Welle von Nacherzählungen chassidischer Legenden aus der ostjüdischen Tradition den deutschsprachigen Literaturmarkt. Diese Legenden ranken sich üblicherweise um die frommen Anführer der unterschiedlichen chassidischen Gruppierungen, um die Zaddikim, die spirituell übermenschlich begabten Gerechten, die Leben und Lehre im osteuropäischen Schtetl und darüber hinaus prägten. Noch heute erfahren sie in den chassidischen Gemeinden leidenschaftliche Verehrung.

Ursprünglich sind diese Erzählungen sagenhafte Geschichten von spektakulären, übersinnlichen Phänomenen wie Wunderheilungen oder Weissagungen. Sie verbreiteten sich auf Jiddisch erst in mündlicher und schließlich in schriftlicher Form. Nicht wenige Schriftsteller machten es sich im frühen 20. Jahrhundert zur Aufgabe diese Märchen, die sie selbst oft nur mündlich vernommen hatten, einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen. Neben dem berühmten Martin Buber zählt man heute vor allem Chajim Bloch und Samuel Lewin zu den großen Nacherzählern dieser magischen Geschichten.

Der heilige Löwe: Isaak Luria

Rosy Lilienfeld, Isaak Luria mit seinen Jüngern im Feld, 1933
Rosy Lilienfeld, Isaak Luria mit seinen Jüngern im Feld, 1933, 32,5x25cm, Bleistift auf Papier © Jüdisches Museum Frankfurt. Auf diesem Bild erkennt man sparsame Ausarbeitungen in einer hellen Pastell- oder Gouachefarbe um den mystischen Führer und seine Jünger herum. Sie verleihen der Szene sphärische Tiefe und betonen den übersinnlichen Charakter der abgebildeten Situation.

Der Rabbiner und Publizist Chajim Bloch hat der Geschichte um Isaak Luria und seinen Wunderwerken ein Büchlein namens Kabbalistische Legenden gewidmet, das 1925 erschien. Es ist höchstwahrscheinlich, dass diese Veröffentlichung die literarische Grundlage der hier vorliegenden Illustration von 1933 ist. Wir lesen darin vom Lebensweg des Rabbi Isaak ben Salomo Aschkenasi Luria, dem vielleicht bekanntesten aller kabbalistischen Meister:

Der sagenhafte Rabbiner Isaak Luria, genannt Arisal oder kurz Ari (‚Löwe‘), wurde 1534 in Jerusalem geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters zog seine Mutter mit ihm nach Kairo wo ihr Bruder für die rabbinische Ausbildung Lurias sorgte. Eines Tages fiel dem begabten Talmud-Studenten das Buch Sohar in die Hand, das Hauptwerk der jüdischen Mystik. Um sich in die Geheimnisse dieser kabbalistischen Schrift zu vertiefen, die der Überlieferung nach von Rabbi Simon bar Jochaj nach den Worten des Propheten Elija zusammengestellt wurde und gerade erst im Druck erschienen war, begab er sich auf eine einsame Nil-Insel. Er kleidete sich nach kabbalistischer Anweisung, mied jeden menschlichen Kontakt und besuchte seine Familie nur noch zum Schabbat. In dieser Einsamkeit erkannte er die göttlichen Geheimnisse, die im Sohar verborgen waren und hier bildete er die Grundzüge seiner späteren Seelenlehre aus. Mancher erkennt in dieser Weltflucht die chassidische Praxis der Meditation in Abgeschiedenheit, ‚Hitbodedut‘, die bis heute in chassidischen Kreisen Anwendung findet.

Um 1570 kehrte er zurück ins Heilige Land und zwar in die Stadt Safed. Bald scharte der Arisal viele Jünger um sich und fand Schüler, die seine Lehren aufschrieben und verbreiteten. Der berühmteste dieser Schüler war Chajim Vital, der die lurianische Lehre in den Schriften des Ari (Kitwei Ari) systematisch zu Papier brachte. Heute nennen wir diese Aufschlüsselung des Sohars und ihre Systematisierung der mystischen Überlieferungen „lurianische Kabbala“.

Schon zwei Jahre nach seiner Ankunft in Safed starb Isaak Luria im Alter von 38 Jahren. Heute gilt er als Begründer der modernen Kabbala und legte mit seinen Lehren den Grundstein für die chassidische Bewegung, die sich im 18. Jahrhundert in Osteuropa anhob. Durch ihn wurde die kabbalistische Geheimlehre in großem Umfang popularisiert und fand Eingang in die alltägliche jüdische Praxis.

Die sagenumwobene Figur des Isaak Luria war Überlieferungen zufolge dazu in der Lage, beim Anblick eines Menschen dessen voriges Leben sowie seine künftigen Wiedergeburten zu sehen. Er gilt als der Erlöser ruheloser Seelen, die aufgrund ihrer Verstrickungen in der materiellen Welt keinen Frieden finden können und auf das Kommen des Messias harren.

Als textuelle Grundlage für das Bild kommen zwei Stellen aus dem Büchlein in Frage. Da sich Lilienfeld in ihren früheren Darstellungen immer sehr nah am Text bewegt, fällt die Erzählung ins Auge, bei der Luria mit dem Finger auf den Friedhof von Safed wies. Er zeigte seinen Anhängern die Heere von Seelen, die aus den Gräbern stiegen um in den oberen Welten an der Wonne des Schabbat teilzunehmen. Andere Seelen stiegen herab und gesellten sich zu den Seelen der frommsten unter den Lebenden. Doch wie erklärt sich die Aufgebrachtheit seiner Jünger, die eher als einen ehrfürchtigen oder staunenden, einen bestürzten Eindruck machen?

In der Geschichte von der „Hemmnis“ unternahmen der Arisal und sein Gefolge einen ihrer üblichen Feldspaziergänge vor dem Empfang des Schabbats. Auf die Frage, ob sie den Schabbat in Jerusalem verbringen wollten, antworteten einige mit Ja, andere zögerten und wollten erst ihre Frauen von dem Plan wissen lassen. Dieses kurze Hadern war folgenreich, so die Worte Lurias: „Ihr habt die Erlösung vereitelt. Jetzt war ein Augenblick des Erbarmens und der Gnade, und wäret ihr alle eines Willens gewesen, nach Jerusalem zu gehen, das Volk wäre erlöst worden!“

Der Konvertit, der sich selbst beschnitt: Salomo Molcho

Rosy Lilienfeld, David Molcho unter den Bettlern Roms, 1933
Rosy Lilienfeld, Salomo Molcho unter den Bettlern Roms, 1933, 32,5x25cm, Bleistift auf Papier © Jüdisches Museum Frankfurt. Dreißig Tage lang verbrachte Molcho in dieser messianischen Ausstaffierung auf einer Brücke auf dem Tiber bevor er in visionäre Traumzustände verfiel. Im Hintergrund ist die Kuppel des Petersdoms zu sehen.

Die Bilderserie zu Franz Kafkas Die Verwandlung, heute im Deutschen Literaturarchiv Marbach, war eine der letzten bekannten Schöpfungen Lilienfelds, die nicht mehr auf Schriften zu jüdischen Volkserzählungen basiert. Auch Franz Kafkas Hebräischlehrer, der Dichter Jiří Mordechai Langer, verschriftlichte chassidische Legenden, außer ins Deutsche vor allem ins Tschechische. Für die hier vorliegende Kohlezeichnung fand Lilienfeld möglicherweise Inspiration in einer Veröffentlichung von Max Brod, dem Herausgeber, Bearbeiter und Nachlassverwalter Kafkas.

Im Jahr 1925 veröffentlichte Brod seinen Roman Reubeni, Fürst der Juden, der historische und märchenhafte Berichte über zwei falsche Messiasse aufgreift und die Geschichte von David Reubeni und Salomo Molcho erzählt. David Reubeni war ein kabbalistischer Prediger und angeblicher Messias, der im 16. Jahrhundert auf seinen Reisen vom östlichen Mittelmeergebiet über Südeuropa bis nach Deutschland gewirkt hat und eine große Anhängerschaft fand.

Sein Verkünder und Gefolgsmann war Salomo Molcho. Er war der Sohn von unter Todesandrohung zum Christentum übergetretenen portugiesischen Juden, der über Reubeni zum Judentum zurückfand und daraufhin an sich selbst die Beschneidung durchführte. Schon bald hielt der ehemalige Schreiber des portugiesischen Königs sich selbst für den fleischgewordenen Erlöser. Nachdem er auf seinen Reisen Visionen vom Ende aller Tage hatte, kleidete er sich in Lumpen und mischte sich unter die Bettler Roms. So versuchte er einer talmudischen Prophezeiung über das Kommen des Messias zu entsprechen. Dort verkündet nämlich der Prophet Elija, dass der Messias zwischen den Ausgestoßenen an den Toren Roms sitzen wird (Sanhedrin 98a). Diese Szene aus der abenteuerlichen Geschichte Molchos bildet Lilienfeld hier ab.

Der Zauberer aus Kurdistan: David Alroy

Die vier übrigen Bilder aus unserer Erwerbung von 1990 gehören zu einer zusammenhängenden Serie und bilden Szenen aus dem Leben des tollkühnen Gelehrten David Alroy ab. Menachem ben Suleiman Al-Ruhi wurde im 12. Jahrhundert in Amadiye, in Kurdistan, geboren und später unter dem Namen David Alroy bekannt. In Anbetracht der Machtkämpfe zwischen Christentum und Islam und mit dem Aufkommen der ersten Kreuzzüge formierte sich unter den Bergjuden des Kaukasus eine messianische Bewegung. Ihre Anhänger erwarteten das unmittelbare Kommen des Messias, der die Judenheit aus ihrer Unterdrückung befreien und den Anbruch einer neuen Zeit einleiten würde. Der Anführer dieser Bewegung war der Vater Alroys, der sich selbst als Wiedergeburt des Propheten Elija betrachtete. Der Legende zufolge wurde bald sein außergewöhnlich kluger und schöner Sohn zur Verkörperung des Messias ernannt und wegen seiner Aufrührigkeit bald eingesperrt. Aus seinem Kerker konnte er sich auf zauberhafte Weise befreien und schließlich die Juden des Persischen Reiches versammeln um gegen ihre Peiniger loszuziehen. Bevor sein Plan ausgeführt werden konnte, wurde er ermordet und so seine Erlösermission gewaltsam vereitelt.

Begeben wir uns also auf die Suche nach der literarischen Grundlage für Lilienfelds Interpretation der Geschichten um Alroy, der entsprechend der Legende „versiert war in den Gesetzen Israels – Bibel wie Talmud, die Weisheit der Muslime kannte, sowie weltliche Literatur und die Schriften von Magiern und Wahrsagern“.

So lautet die Beschreibung im Buch der Reisen, dem Sefer haMassa‘ot, des mittelalterlichen Historikers Benjamin von Tudela. Es kann wohl als hauptsächliche Grundlage späterer Rezeptionen der Legende von David Alroy betrachtet werden, die einen festen Platz im Kanon der Volkserzählungen der kurdischen Juden einnimmt. Dort werden auch der Ausbruch aus dem Kerker und das plötzliche Erscheinen vor dem persischen Sultan beschrieben. Vor seinem versammelten Hofstaat fragte ihn der Fürst, wer ihn aus seinem Verlies in Taberistan entlassen und hergebracht habe und Alroy antwortete: „Meine eigene Weisheit und Begabung – denn ich fürchte mich weder vor dir, noch vor deinen zahlreichen Dienern.“ Damit deckt sich die oft rezipierte Nacherzählung in Heinrich Graetz‘ Geschichte der Juden von 1853. Sowohl in Werken mit historischem Anspruch, wie in Simon Dubnows Weltgeschichte des Jüdischen Volkes aus den 1920er Jahren, als auch in Märchensammlungen wie in Bin Gorions Der Born Judas von 1916 wird die Geschichte Alroys erzählt. Dabei verlaufen die Grenzen zwischen Mythos und Geschichtsschreibung fließend.

Durch die Inventarlisten, die die Bücher aufzählen, die Rosy Lilienfeld und ihre Mutter bei ihrer Flucht aus Deutschland mitnahmen, können wir annehmen, dass die Zeichnerin auch englische und französische Texte las. Möglicherweise beherrschte sie auch das Jiddische und bediente sich am Text von Jona Kreppels Der falscher Moshiakh von 1924.

Im Augenblick lässt sich leider nicht abschließend sagen, auf welcher literarischen Grundlage die hier gezeigten Illustrationen um Alroy fußen. Ist Lilienfeld zum Zeitpunkt des Schaffensprozess vielleicht von der unmittelbaren Übertragung von Textstellen abgekehrt und hat sich an freieren Vorlagen bedient?

Die Wehen des Messias

David Alroy und Salomo Molcho sind also bekannte messianische Figuren mit historischer Verankerung im Weltgeschehen und gleichzeitig die Helden von Volksmärchen, die bis heute lebendig sind. Aber auch Isaak Luria verkörpert eine messianische Rolle: Der Sage nach lebte in ihm die Seele des Moshiach ben Joseph. Das ist die mythische Gestalt, die die Welt auf das Kommen des eigentlichen Messias, des Moshiach ben David, vorbereitet.

Rosy Lilienfelds Beschäftigung mit diesen Figuren ist Zeugnis für ihre Faszination von der messianischen Idee, die bis in die Zeit des Zweiten Tempels zurückreicht. Es ist die uralte Sehnsucht nach einem Befreier, der die Juden in eine friedliche Zukunft führt. Und mehr: Sie ist der Traum einer neuen menschlichen Daseinsform und dem Leben aller Wesen in ungetrübter Harmonie – einer Welt, in die es das Schlechte nicht hinübergeschafft hat. Hervorgebracht wird dieses neue und glanzvolle Zeitalter allerdings durch den gewaltsamen Niedergang der bestehenden Zivilisationen. Es überrascht nicht, dass der Wunsch nach einem Welterlöser, der alles Schlechte mit einem Schlag mühelos zertrümmert, besonders in Zeiten der Bedrohung erwächst.

Eine Stelle in Brods Roman über Reubeni und Molcho liefert einen Teil der Antwort auf die Frage, weshalb die falschen Messiase zu ihrer Zeit derart erfolgreich waren und gibt einen Einblick in die messianische Grundidee: „Man fand, daß alle Zeitumstände auf das Nahen der Messiaszeit deuteten. Krieg, Gottesleugnung, Verwirrung, Pest, Hungersnot sollten ja der ‚Fülle der Zeiten‘ vorangehen. [...] Und die Austreibung aus Spanien bedeutete ja das Übermaß der Leiden.“

Diese Vorstellung deckt sich mit der Beschreibung in der erwähnten Talmud-Stelle mit der Bettlerszene, wo es zum Kommen des Messias außerdem heißt: „Rabbi Jochanan sagt: Wenn Du ein Zeitalter siehst, das mehr und mehr verkümmert, so hoffe auf ihn. […] Und wenn Du ein Zeitalter siehst, über das sich Leiden wie ein Strom ergießen, so hoffe auf ihn [...].“

Sowohl die blutige Vertreibung der Juden von der iberischen Halbinsel im ausgehenden 15. Jahrhundert, die brutalen Pogrome in weiten Teilen Ost- und Mitteleuropas durch die Neuzeit hindurch, als auch die heraufziehende düstere Wolke des Nationalsozialismus in der Entstehungszeit der Blätter können als die ‚Wehen des Messias‘ gedeutet werden, die das Kommen des Erlösers ankündigen. Dieser Zusammenhang verleiht den Bildern, die auf den ersten Blick bloß folkloristisch anmuten, eine politische Dimension.

Der Inhaber des guten Namens: Israel ben Elieser

Rosy Lilienfeld, Bilder zur Legende des Baal-Schem
Rosy Lilienfeld, Bilder zur Legende des Baal-Schem, 1935, R. Löwit Verlag © Jüdisches Museum Frankfurt. Legende 5: 'Die Himmelwanderung', Teil II: 'Die Frau des Baalschem schreit an seinem Bette auf, und der Ruf entfliegt ihrem Munde'. In dieser Ausführung ist Lilienfelds expressionistische Malweise noch eindeutig sichtbar. Bewegungsreiche und ausdrucksstarke Formen beherrschen das Bild genau so wie ein scharfer Hell-Dunkel-Kontrast.

Bei der Betrachtung dieser Werkgruppe Lilienfelds darf ihr bereits erwähntes Buch nicht unbeachtet bleiben. Im Jahr 1935 veröffentlichte sie im Verlag R. Löwit ihre Bilder zu der Legende des Baalschem. Mit der Arbeit daran begann sie noch vor den messianischen Zeichnungen, etwa 1931. Nur der erste von mehreren geplanten Bänden dieser Bebilderung von Martin Bubers Legende des Baalschem aus dem Jahr 1905 konnte Lilienfeld verwirklichen. Die Grafiken für den Folgeband hatte die Frankfurterin bei ihrer Flucht aus Nazideutschland mitgenommen. Sie sind heute erhalten, wurden aber nie veröffentlicht. Da sich Bubers Buch in drei „Kreise“ unterteilt und der vorliegende Druck nur den ersten „Kreis“ umfasst, ist anzunehmen, dass sie ursprünglich insgesamt drei Bände plante.

Dass sie dem sagenhaften Rabbi Israel ben Elieser, genannt Baal-Schem Tov, eine so wesentliche Arbeit widmete, zeugt von dem hohen Stellenwert, den der Wunderrabbi in Lilienfelds Lebenswelt einnahm. Über ihn gibt es mehr Legenden als historische Berichte. Viele von ihnen wurden durch die Nacherzählungen Martin Bubers, die in Zusammenarbeit mit seiner Frau Paula entstanden, einem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht. Die zahlreichen Veröffentlichungen Bubers und seiner Zeitgenossen sind dabei Bestandteil einer größeren Bewegung, die Buber als ‚Jüdische Renaissance‘ bezeichnete.

Martin Buber und die Wiedergeburt des Judentums

Der junge Martin Buber
Martin Buber als Student in Wien, um 1896. (Martin Buber Archive, The National Library of Israel, Jerusalem/ Courtesy of the Martin Buber Literary Estate)

Bubers hehres Bestreben ging über das Weitergeben der alten Sagen hinaus und bestand in keinem geringeren Ziel, als das Judentum einer intellektuellen ‚Wiedergeburt‘ zuzuführen. Der Religionsphilosoph beschrieb seine Idee von einer nationalen Bewegung im Sinne einer ‚Jüdischen Renaissance‘ als „Rückkehr zu den alten, im Volkstum wurzelnden Gefühlstraditionen und zu deren sprachlichem, sittlichem, gedanklichem Ausdruck.“

Fernab von starrer Gesetzestradition einerseits und Assimilation in eine christlich geprägte westeuropäische Gesellschaft andererseits, erkannte man in der ostjüdischen Kultur eine ungetrübte geistige Grundlage für ein neues jüdisches Selbstbewusstsein aus traditioneller Quelle. Zu diesem Rückbesinnungsversuch kann man auch die hier behandelten Schriften von Bubers Zeitgenossen zählen.

Von der Rolle der Künste innerhalb dieser Bewegung hatte Buber eine klare Vorstellung: „Sie wird durch Erziehung eines lebendigen Schauens und durch Sammlung der schöpferischen Kräfte die Gabe jüdischen Malens und Meißelns entfalten und vor dem dunklen Tasten jungjüdischer Dichter die Feuersäule der Auferstehung einherwandeln lassen. Den Festen der Tradition wird sie eine zweite Jugend schenken. [...]“

Dieser Erneuerungsprozess selbst weist dabei messianische Züge auf: Es handele sich nicht um einen langwierigen Prozess, sondern um eine plötzliche und radikale Erneuerung aus der Krise heraus. In der Folge kehrt nicht nur das Judentum, sondern die gesamte Menschheit zu „ihrer wahren Natur“ zurück. Die in bildungsbürgerlichen Kreisen bis dahin nicht besonders hoch geschätzten Legenden der Ostjuden waren für Buber ein wesentlicher Bestandteil der kulturellen Weiterentwicklung, die er sich erhoffte. Doch weshalb waren die Überlieferer dieser fantastischen Erzählungen so begeistert und so unermüdlich in ihrem Nacherzählen?

Quereinsteigerin in die jüdische Renaissance

Auch der Literaturnobelpreisträger von 1966, Samuel Agnon, dessen Werk von seiner tiefen Verbindung zur ostjüdischen Tradition zeugt, übertrug einige der fabelhaften Berichte der Chassidim ins Hebräische. Von ihm hörte Gerschom Scholem, der bedeutendste Historiograph der jüdischen Mystik, die folgende Geschichte, die er später aufschrieb:

„Wenn der Baal-Schem etwas Schwieriges zu erledigen hatte, irgendein geheimes Werk zum Nutzen der Geschöpfe, so ging er an eine bestimmte Stelle im Walde, zündete ein Feuer an und sprach, in mystische Meditation versunken, Gebete – und alles geschah, wie er es sich vorgenommen hatte. Wenn eine Generation später der Maggid von Meseritz dasselbe zu tun hatte, ging er an jene Stelle im Walde und sagte: ‚Das Feuer können wir nicht mehr machen, aber die Gebete können wir sprechen‘ – und alles ging nach seinem Willen. Wieder eine Generation später sollte Rabbi Mosche Leib aus Sassow jene Tat vollbringen. Auch er ging in den Wald und sagte: ‚Wir können kein Feuer anzünden, und wir kennen auch die geheimen Meditationen nicht mehr, die das Gebet beleben; aber wir kennen den Ort im Walde, wo all das hingehört, und daß muss genügen.‘ – Und es genügte. Als aber wieder eine Generation später Rabbi Israel von Rischin jene Tat zu vollbringen hatte, da setzte er sich in seinem Schloß auf seinen goldenen Stuhl und sagte: ‚Wir können kein Feuer machen, wir können keine Gebete sprechen, wir kennen auch den Ort nicht mehr, aber wir können die Geschichte davon erzählen.‘“

Das Erzählen der Geschichten allein wird hier zur magischen Handlung und nach chassidischer Auffassung zum religiösen Akt. Buber selbst fasst es so in Worte: „Das erzählende Wort ist mehr als Rede, es führt das was Geschehen ist, faktisch in die kommenden Geschlechter hinüber, das Erzählen ist selber Geschehen, es hat die Weihe einer heiligen Handlung.“

Durch das Nacherzählen in Bildern reiht sich Rosy Lilienfeld auf ihre Weise in die chassidische Erzähltradition ein, die bis heute fast ausschließlich durch männliche Vertreter geprägt ist. Im Sinne der ‚Jüdischen Renaissance‘ transportierte sie die Legenden der Kabbalisten in die Moderne und erweiterte sie um eine bildliche Ebene.

Wenn diese Bilder und unser Erzählen davon dazu beitragen, die Überlieferungen der Wundergeschichten lebendig zu halten, haben sich Lilienfelds Hoffnungen, die sie in einem kurzen Eingangstext zu ihren Baal-Schem-Bildern notierte, spät erfüllt: „Die Größe und den inneren Reichtum der chassidischen Legenden auch in der zeichnerischen Gestaltung zur Kenntnis zu bringen, ist die Aufgabe dieses Buches. […] Ich hoffe, daß das Werk allen denen willkommen sein wird, die wünschen, das geistige Gut der Juden der jetzigen Generation nahe zu bringen. (Frankfurt am Main, 1935)“

Dennis Eiler

 

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