Trude Simonsohn

Nachruf auf Trude Simonsohn

Würdigung einer der letzten Zeitzeuginnen
07. Januar 2022

Trude Simonsohn, Ehrenbürgerin der Stadt Frankfurt am Main, ist am 6. Januar 2021 im Alter von 100 Jahren gestorben. Sie hatte das Vernichtungslager Auschwitz überlebt und gehörte zu den letzten heute noch lebenden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der Schoa.

Eine behütete Kindheit

Trude Simonsohn kam am 25. März 1921 im mährischen Olmütz im heutigen Tschechien zur Welt. Ihr Mädchenname war Gutmann. Sie wuchs als Einzelkind in einem liberalen, zionistisch orientierten Elternhaus auf. Der Vater Maximilian Gutmann arbeitete als Getreide-Kommissionär; die Mutter Theodora war eine talentierte Modistin und betrieb einen Hutladen. Nach eigenen Worten verlebte Trude eine „wunderbare, behütete Kindheit“. Von ihren Eltern wurde sie früh zur Selbstständigkeit erzogen. Diese ungetrübte Lebensphase änderte sich abrupt Ende der 1930er Jahre. Am 15. März 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht in Prag und Brünn ein. Böhmen und Mähren wurden völkerrechtswidrig zum Protektorat vereint, das bis zum 8. Mai 1945 dem Deutschen Reich angehörte.

Zweiter Weltkrieg

Als Vorsichtsmaßnahme verließ Trude Simonsohn das deutsche Realgymnasium in Olmütz; zu heftig waren jetzt die judenfeindlichen Angriffe in der Schule. Der Traum vom späteren Abitur platzte. Die junge Frau engagierte sich in der zionistischen Bewegung, trieb leidenschaftlich Sport bei Makkabi Hazair und arbeitete in der Landwirtschaft – dies alles mit dem Ziel der Alija, der Einwanderung nach Palästina. Es sollte anders kommen.

Am 1. September 1939, dem Tag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen und Beginn des verbrecherischen Zweiten Weltkriegs, wurde der Vater verhaftet; Maximilian Gutmann wurde in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt und später im Lager Dachau ermordet. Trude und ihre Mutter mussten die Wohnung der Familie räumen und zur Untermiete in ein „Getto-Haus“ ziehen. Im Juni 1942, nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich, wurde Trude Simonsohn als vermeintlich politisch Verdächtige verhaftet. Nach einem zermürbenden monatelangen Gewahrsam, zuletzt in Einzelhaft, folgte im November 1942 die Deportation in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt. Dort traf sie ihre Mutter wieder. Theodora Gutmann wurde später im Vernichtungs- und Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Als Erzieherin im Lager

In der Extremsituation des Lageralltags kümmerte sich Trude Simonsohn zusammen mit anderen Erwachsenen um die vielen Kinder und Jugendlichen. Als Gruppenleiterin in dem Heim „L 410“ verrichtete sie ihre Arbeit; dort waren tschechische Mädchen untergebracht. Mit etwa 30 von ihnen teilte sie das beengte Lagerleben – tagsüber wie auch nachts. Schulunterricht war strengstens verboten. Es war unter den gegebenen bedrohlichen Umständen eine „Als-ob-Pädagogik“, so bezeichnete Trude Simonsohn das improvisierte Lehrangebot. Die Erzieherin hoffte, die Kinder und Jugendlichen könnten durch Zuwendung, Kultur und Bildung mental gestärkt werden und hätten dadurch bessere Chancen zu überleben. „Aber“ – so berichtete sie später – „wir sollten uns schrecklich getäuscht haben. Fast alle Kinder unter 14 Jahren schickten die Transporte in den Tod.“ Zu den wenigen Überlebenden hielt Trude Simonsohn Kontakt; es waren „ihre Kinder“, wie sie es selbst gerne ausdrückte, beinahe so wie der eigene, 1951 geborene Sohn Michael.

Theresienstadt und Auschwitz

In Theresienstadt lernte Trude bei einem Vortrag ihren Ehemann kennen, den Juristen und Sozialpädagogen Berthold Simonsohn. Das kulturelle Angebot im Lager war für beide als eine Form geistigen Widerstands überlebenswichtig, auch wenn die Nationalsozialisten diese Aktivitäten der Häftlinge zu Propagandazwecken instrumentalisierten. Am 19. Oktober 1944 wurde das junge Paar nach Auschwitz deportiert. Kurz zuvor hatte die rituelle Hochzeit stattgefunden. Da Trudes Name zunächst nicht auf der Deportationsliste stand, meldete sie sich freiwillig zum Transport. Nach der Ankunft kamen die Eheleute in verschiedene Lagerbereiche. „Falls wir die Hölle überleben“ – so versprachen sie es sich noch rasch vor der Trennung –, „dann treffen wir uns nach dem Krieg in Theresienstadt“.

Trude Simonsohn wurde im Mai 1945 nach einer abenteuerlichen Flucht in Merzdorf, einem Außenlager von Groß-Rosen, durch Soldaten der Roten Armee befreit. Ihr Mann Berthold hatte im Lager Kaufering III bei Landsberg, einem Außenlager von Dachau, überlebt. Beim Herannahen US-amerikanischer Truppen wurde er noch auf einen Todesmarsch nach Dachau-Allach gezwungen. Tatsächlich fanden sich beide schließlich wieder: In Theresienstadt, so wie es in größter Not verabredet worden war. Die Erinnerungen an Auschwitz, an das Grauen und die Hölle, hatte Trude Simonsohn aus ihrem Gedächtnis gelöscht. „Auch die Seele kann bewusstlos werden“, so interpretierte sie im Nachhinein diese Lücke.

Nach dem Krieg

1946 reisten die Simonsohns in die Schweiz aus. In Davos wurden beide für das Sanatorium „Höhwald“ tätig – Berthold Simonsohn als dessen Leiter und Trude als Krankenschwester. Aus gesundheitlichen Gründen musste diese Arbeit nach etwa zehn Monaten beendet werden. Am 16. April 1949 folgte die standesamtliche Trauung in Zürich. Berthold Simonsohn konnte mit Hilfe eines Stipendiums jetzt noch einmal studieren: Ökonomie, Soziologie und Sozialphilosophie. Trude Simonsohn arbeitete für die jüdische Flüchtlingshilfe, mit an Tuberkulose erkrankten Jugendlichen und mit traumatisierten Waisen, die ihre Angehörigen in der Schoa verloren hatten.

Neues Zuhause in Frankfurt

Trude Simonsohn mit Familie um 1955
Familie Simonsohn um 1955. Fotograf unbekannt

1950 folgte die Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland, zunächst nach Hamburg; seit 1955 lebten die Eheleute in Frankfurt am Main. Dorthin war die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland umgezogen, als deren hauptamtlicher Geschäftsführer Berthold fungierte. Ein neues Leben in Israel aufzubauen gelang nicht. Trotz großer Hoffnungen und Liebe zu dem Land musste der Umzug „auf Probe“ im Januar 1961 nach nur drei Monaten rückgängig gemacht werden. Die Familie kehrte nach Frankfurt zurück. In ihrem 2013 veröffentlichten Buch „Noch ein Glück“ schrieb Trude Simonsohn: „Das Zuhause meiner Kindheit existiert nur noch in meiner Erinnerung. Heute kann ich sagen, dass ich vielleicht nicht in Deutschland, ganz sicher aber in Frankfurt zu Hause bin.“

Berthold Simonsohn starb am 8. Januar 1978 an Herzversagen. Für seine Ehefrau war der frühe Tod ein schmerzlicher Verlust; sie wurde schwer krank und lebte viele Jahre in tiefer Trauer. Dennoch gelang ein neuer Lebensabschnitt. Trude Simonsohn arbeitete bei der Jugendgerichtshilfe der Arbeiterwohlfahrt. 1986 wurde sie in den Vorstand der Jüdischen Gemeinde gewählt und war dort für die Bereiche Sozialarbeit und Erziehungsberatung zuständig. Von 1989 bis 2001 fungierte sie als Vorsitzende des Gemeinderates.

Zeitzeugin und Erinnerungsarbeit

Foto mit Trude Simonsohn und weiteren Personen
Eröffnung der Ausstellung "Arbeiter und Revolutionäre" am 01.05.1996. Abgebildet: Museumsdirektor Georg Heuberger, Ministerpräsident Hans Eichel, Trude Simonsohn, Prof. Dr. Salomon Korn, Kulturdezernentin Linda Reisch. Foto: Rafael Herlich

Ab Ende der 1970er Jahre begann Trude Simonsohn als Zeitzeugin zu sprechen. Dabei legte sie stets Wert auf die politische Bedeutung von Erinnerungsarbeit. Das erste Gespräch fand 1978 mit Schülerinnen und Schülern der Anne-Frank-Schule statt. An die schlimmste Zeit des Lebens zu erinnern fiel ihr immer wieder schwer. „Routine kann sich da nicht einstellen“, bemerkte Trude Simonsohn.

Bis zuletzt war sie Vorsitzende und Sprecherin des „Rates der Überlebenden des Holocaust“, der die Arbeit des Fritz Bauer Instituts kritisch begleitet. Damit war ihre Stimme und die der anderen Ratsmitglieder Mahnung und Verpflichtung zur Erinnerung gleichermaßen. „Fragt uns, wir sind die letzten“, so forderte sie immer wieder nachdrücklich. Die langjährige Freundin Irmgard Heydorn begleitete Trude oft und berichtete dann über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. „Passt auf, dass das nicht wieder geschieht, und sagt rechtzeitig und laut genug Nein“, so lautete die Botschaft der beiden Frauen an junge Menschen. Gerade heute gilt Wachsamkeit umso mehr, da Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Deutschland und Europa wieder so bedrohlich erstarkt sind.

Unermüdliche Brückenbauerin

Der verstorbene frühere Kulturdezernent Hilmar Hoffmann beschrieb Trude Simonsohn einmal mit diesen Worten: „Sie gilt in Frankfurt als solitäre Brücke zwischen den Generationen, zwischen der Jüdischen Gemeinde und nichtjüdischen Frankfurtern.“ Die unermüdliche „Brückenbauerin“ erhielt im Verlauf ihres Lebens zahlreiche Auszeichnungen: die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main, das Ehrensiegel der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main in Silber, die Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen, den Ignatz-Bubis-Preis für Verständigung und den Erasmus-Kittler-Preis. Anlässlich des 95. Geburtstages kam die Ehrenbürgerschaft der Stadt Frankfurt hinzu, und in Anerkennung der Verdienste um die Erinnerungsarbeit wurde ein Hörsaal der Goethe-Universität auf dem Campus Westend im Casinogebäude des IG Farbenhauses nach Trude Simonsohn benannt.

Buchcover von Trude Simonsohn
Trude Simonsohns Buch „Noch ein Glück“ erzählt den Weg von einer behüteten Kindheit ins KZ und von einer schwierigen Suche nach Heimat.

Das Buch „Noch ein Glück“ endet mit einer persönlichen Bilanz von Trude Simonsohn: „Warum habe ich überlebt? Wenn ich zurückschaue auf mein Leben, hatte ich viele Chancen, tot zu sein. Ich hatte Glück, trotz allem. Ein Glück, zusammengesetzt aus vielen, vielen kleinen Mosaiksteinchen.“

Unser Team trauert um Trude Simonsohn, die dem Jüdischen Museum seit der Gründung 1988 stets eng verbunden war. Zuletzt hat sie uns große Teile der schriftlichen Unterlagen ihres Ehemannes und ihre eigenen Dokumente überlassen. Wir werden ihre Treue zu unserem Haus, ihre Zuwendung vor allem zu jungen Menschen sowie ihr unermüdliches und bewundernswertes Engagement für Demokratie, Zivilität und Verständigung nie vergessen.

Heike Drummer und Michael Lenarz

Schlagwortsammlung

Kommentare

Eine bemerkenswerte Frau, Zeitzeugin, Betroffene und Mahnerin. Alle die sie hören konnten, können sich glücklich schätzen. Wer wird uns erinnern an all die Gräultaten, wenn alle Zeitzeugen verstorben sind ….

12.01.2022 • Fraizer Tina

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