Blick ins Museum Judengasse

Mameloschen heißt Muttersprache!

Über das heute ausgestorbene Westjiddisch
Porträt Sara Soussan
21. Februar 2022Sara Soussan

Heute ist Tag der Muttersprache. Aus diesem Anlass wirft Sara Soussan, Kuratorin für jüdische Kulturen der Gegenwart, einen Blick auf eine heute ausgestorbene Muttersprache: das Westjiddische.

Im Gegensatz zum Ostjiddischen ist das Westjiddische heute so gut wie ausgestorben. Gesprochen wurde diese Sprache im westlichen Mitteleuropa seit dem 10. Jahrhundert im Siedlungsraum der aschkenasischen Juden. Sie basiert auf ober- und mitteldeutschen Dialekten der Zeit, die mit hauptsächlich hebräischen, aber auch aramäischen und altromanischen Wörtern ergänzt wurden. Diese sprachliche Vielfalt lehrt uns Vieles: Juden siedelten bereits mit den Römern in den heutigen deutschen Regionen, wie Ihr vielleicht im Rahmen des Festjahres "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" mitbekommen habt. Sie erhielten und prägten ihre kulturelle Autonomie auch durch diese mitgebrachten Sprachen, die sie in die lokalen Sprachen einbrachten und pflegten. Wir sehen daran ihre Orientierung an der sie umgebenden Sprachkultur, die sie jedoch für ihren kulturellen Bedarf an- und vor allem auch bereicherten.

Aus dem Wormser Machsor von 1272
Wormser Machsor von 1272

Das älteste erhaltene, rein westjiddische literarische Dokument ist ein Segen in einem hebräischen Gebetbuch, dem Wormser Machsor von 1272:

גוט טק אים בטגא ש ויר דיש מחזור אין בית הכנסת טרגא
gut tak im betage se waer dis makhazor in beis hakneses terage
Möge dem, der dieses Feiertagsgebetbuch in die Synagoge trägt, ein Feiertag beschieden sein.

Es zeigt, dass das Jiddische der Zeit ein mehr oder weniger regelgerechtes Mittelhochdeutsch war, in das hebräische Wörter — Machsor (Gebetbuch für Feiertage) und Beit Haknesset (Synagoge) — eingefügt worden waren.

Westjiddische Übersetzung der Liebesgeschichte von "Floire et Blancheflor", ausgestellt im Museum Judengasse.

In unserem Museum Judengasse erzählen wir auch von dieser Sprache und widmen ihr einen ganzen Ausstellungsraum. Dort könnt Ihr beispielsweise Genaueres darüber erfahren, dass beliebte Unterhaltungsromane ins Westjiddische übersetzt und unter der Leserschaft der Judengasse weit verbreitet waren. Ein Beispiel: Die Liebesgeschichte von "Floire et Blancheflor" wurde erstmals 1160 in Frankreich bekannt. Wir zeigen in der Ausstellung ein Deckblatt der jiddischen Übersetzung, die 1724 in Bad Homburg gedruckt wurde. Hier heißt der Roman dann: "Di beschtendige libschaft fun Floris un Plankefler".

Im Westjiddischen wurde aber nicht nur gesprochen und geschrieben, sondern auch reichlich gesungen. Unsere Hörstationen bieten Euch vielfältige Beispiele für die Musik und Lieder aus der Judengasse, so "Simchat Hanefesch – die Freude der Seele": Der heilige Schabbat ist eine schöne Ruhe, denn dem Menschen wird eine zusätzliche Seele gegeben.

Die wiederkehrenden Vertreibungen aus dem aschkenasischen Raum veranlassten Juden und Jüdinnen, sich vermehrt in Osteuropa anzusiedeln. Sie nahmen zwar ihre jiddische Sprache mit, aber auch hier fanden Angleichungen statt, so dass sich ostjiddische Dialekte herausbildeten. Sie sind die Grundlage für die moderne jiddische Literatursprache und werden heute noch in manchen Communities gesprochen. Das Westjiddische hören wir heute nicht mehr als lebendige Mameloschen, es ist eine ausgestorbene Muttersprache.

Sara Soussan

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Kommentare

GutenTag, dieses Lied ist wunderschoen und drueckt seinen Inhalt auch im der Melodie aus. Gibt es eine CD mit derartigen Stuecken? Wie kann die Sprache ausgestorben sein, wenn sie doch in Liedern, vielleicht Mahlzeiten, vielleicht Pflanzennamen, alten Briefen und Gebeten ueberliefert wird? Danke fuer's Lesen. Monika Winkelmann

21.02.2022 • Monika Monika

Liebe Monika, vielen Dank für Deinen Beitrag. Die Musik stammt vom Ensemble simkhat hanefesh. Hier der Link zu deren Website mit weiteren Aufnahmen und Hörbeispielen.http://www.simkhat-hanefesh.com/ensemble/diana-matut/ "Ausgestorben" ist das Westjiddische insofern, als es keine aktiven Sprecher*innen mehr gibt. Daher ist es umso schöner, dass es Musiker*innen gibt, die diese verschüttete Tradition ein wenig wiederbeleben.

23.02.2022 • Onlineredaktion JMF

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