Imo Moszkowicz hinter einer Filmkamera
Ausstellungsvorschau

Ausgeblendet – Eingeblendet

Eine Jüdische Filmgeschichte der Bundesrepublik / 15.07.2023 - 14.01.2024

Anhand exemplarischer Filme zeichnet diese Ausstellung die bislang ungeschriebene jüdische Filmgeschichte der Bundesrepublik nach.

Die jüdische Filmgeschichte der Bundesrepublik ist noch ungeschrieben: bis jetzt wurde sie noch nicht in einer umfangreichen Ausstellung beleuchtet. Sie handelt von unterschiedlichen und widersprüchlichen Lebenswegen und Karrieren jüdischer Produzenten, Regisseuren und Regisseurinnen sowie Schauspielern und Schauspielerinnen, die zwischen 1945 und 1989 ihre Erfahrungen in der Filmproduktion machten. Die Ausstellung zeichnet entlang von exemplarischen Filmen ihre Geschichten nach, die historische und soziale Kontexte beleuchten. Diese ungeschriebene Filmgeschichte mit ihren bezeichnenden Brüchen zeigt auch neue Perspektiven auf eines der wichtigsten Medien des 20. Jahrhunderts und seine Bedeutung in der Bundesrepublik auf.

Die Ausstellung basiert auf jahrelanger Forschung der Filmwissenschaftler Lea Wohl von Haselberg und Johannes Praetorius-Rhein, die auch ihre Arbeit aus dem Forschungsnetzwerk “Deutsch-Jüdische Filmgeschichte” einfließen lassen.

Ein-/Ausgeblendet

Ein- und Ausblenden steht als Metapher für die Sichtbarkeit oder Unsichtbarkeit jüdischer Perspektiven in der deutschen Filmgeschichte. Die Frage der Sichtbarkeit aber auch der (Fremd-)Zuschreibung der jüdischen Identität ist Thema des ersten Raums, der sowohl Beginn als auch Ende der Ausstellung ist. In einer filmischen Auftragsarbeit fängt die Filmproduzentin, Regisseurin und Drehbuchautorin Ruth Olshan die vielfältigen Aussagen zeitgenössischer Filmschaffender zur Zuschreibung ‚jüdisch‘ ein.

Aufbrüche

Mitte und Ende der 1940er Jahre traten jüdische Filmproduzenten wie Artur Brauner, Gyula Trebitsch und Walter Koppel in die deutsche Öffentlichkeit: Sie kamen als Überlebende nach Deutschland und machten in Spielfilmen wie Arche Nora (1948) oder Morituri (1948) die Erinnerung an die Schoa zum Gegenstand ihrer filmischen Arbeit. Mit ihren steilen Karrieren sind sie gleichzeitig Teil der bundesdeutschen Erzählungen von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder.

Scheinwerfer und Scheuklappen

Die Rede von “internationale Erfahrung” jüdischer Filmschaffender diente in der frühen Bundesrepublik als Chiffre für deren Flucht und Exil, um deren Hintergründe zu verschweigen. Zugleich war in dieser euphemistischen Formulierung eine reale Chance für jüdische Filmschaffende enthalten: Angebliche und reale Kontakte ins Ausland dienten der Karriere in West-Deutschland, wo die Filmindustrie nach internationaler Anerkennung hungerte. Lilli Palmer hatte im Exil tatsächlich Karriere gemacht und wurde zu einem der beliebtesten Stars der 1950er Jahre. Peter Lorre dagegen konnte weder in Hollywood noch in der frühen Bundesrepublik an seine Erfolge in der Weimarer Republik anknüpfen. Die Filme Feuerwerk (1954) und Der Verlorene (1951) zeigen die beiden Schauspieler jeweils in ihren ersten Rollen nach ihrer Rückkehr.

Weder Bühne, Noch Leinwand – Willkommen beim Fernsehen!

Der Regisseur Imo Moszkowicz bei Dreharbeiten zu Torquato Tasso
Der Regisseur Imo Moszkowicz bei Dreharbeiten zu Torquato Tasso, 1968. © Privatnachlass Imo Moszkowicz

Das Fernsehen entstand als neues Massenmedium mit einer Affinität zum Theater, aber in Konkurrenz zum Kino: frühe Fernsehspiele sind oft statisch und erinnern an abgefilmte Theaterinszenierungen. Für Theaterregisseure wie Imo Moszkowicz war der Weg von der Bühne ins Fernsehstudio deswegen nicht sehr weit. Ohne etablierte Ausbildungswege konnten hier aber auch Quereinsteiger wie Karl Fruchtmann oder Nachwuchsfilmer wie Peter Lilienthal Fuß fassen. Der Schrecken der Schoa ist in einigen dieser frühen Fernsehproduktionen deutlich spürbar, die großen Freiheiten des jungen Mediums wurden von den jüdischen Fernsehregisseuren allerdings kaum für explizite oder gar konfrontative Erinnerungsprojekte genutzt. Die Filme Striptease (1963) sowie Mein Freund Harvey (1959) sind beide Verfilmungen von Theaterstücken. 

Verloren in der Familienaufstellung des deutschen Films

Filmstill aus "Die Verliebten", 1987 © Von Vietinghoff Filmproduktion

Der Bruch zwischen dem Nachkriegskino und dem Neuen Deutschen Film ist im Oberhausener Manifest klar als Generationskonflikt formuliert worden, als Ende von “Papas Kino”. Die Positionen jüdischer Akteure in diesem Konflikt sind widersprüchlich. Artur Brauner erschien als Vertreter von “Papas Kino”, fühlte sich in dieser Rolle aber erklärtermaßen unwohl, während Remigranten wie Erwin Leiser als Lehrer akzeptiert wurden. Filmemacher wie Peter Lilienthal oder Jeanine Meerapfel teilten den Generationenkonflikt nicht auf dieselbe Weise und blieben gewissermaßen randständig, fanden im Autorenfilm aber filmische Ausdrucksformen für ihre eigenen Positionen. In dem Spielfilm Malatesta (1969) porträtiert Lilienthal den italienischen Anarchisten Enrico Malatesta im Londoner Exil. In Die Verliebten (1987) lässt Jeanine Meerapfel einen Deutschen mit Nazi-Vorfahren und eine Tochter sogenannter Gastarbeiter auf einer Reise nach den Spuren ihrer Familien aufeinandertreffen.

Es war mir ein Vergnügen

In einem eigenen Ausstellungskapitel wird der Blick auf die Populärkultur ausgeweitet: Fernsehshows, Ratesendungen, Schlager und Musiksendungen zeigen die Popkultur mit ihrer Mehrstimmigkeit und ihrer spielerischen Unbeschwertheit. Die neue Sichtbarkeit von Jüdinnen und Juden in Film und Fernsehen der späten 1960er und beginnenden 1970er Jahre ist oft verbunden mit einem Versprechen von Leichtigkeit: israelische Schlagersängerinnen wie Esther Ofarim oder Daliah Lavi, aber auch Towje Kleiner als “Münchner Woody Allen” in der Serie Der ganz normale Wahnsinn spielen auf unterschiedliche Weise mit popkulturellen Referenzen. Mit der Fokussierung auf die Anziehungskraft des Entertainments, die diese Medienfiguren mit ihrer Leichtigkeit, erotischen Aufladung, Humor und Coolness für das deutsche Publikum hatten, werden ihre eigenen Perspektiven übersehen.

Von Masken und Spiegeln – Verhältnisse zum Erinnerungsboom

Aufnahme aus dem Set des Spielfilms "Der Passagier", 1989, Credit: Foto: Oliver Herrmann
Aufnahme aus dem Set des Spielfilms "Der Passagier", 1989, Credit: Foto: Oliver Herrmann

Die Ausstrahlung der Serie Holocaust 1979 hat eine Wende in der audiovisuellen Erinnerungskultur eingeleitet. Damit beginnt nicht nur eine Phase der späten Anerkennung des Massenmords, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der Geschichte, in der Film und Fotografie zu Leitmedien werden. Jüdische Filmschaffende erhalten in diesem Zusammenhang neue Rollenangebote und werden mit ihren eigenen Biografien und Familiengeschichten öffentlich wahrgenommen. Sie verhalten sich unterschiedlich zu dieser neuen Sichtbarkeit und Funktion in der bundesdeutschen Erinnerungskultur. In Der Passagier (1989) macht Thomas Brasch einen ironisch-selbstreflexiven Kommentar zu der jüdischen Regisseuren zugewieseenn Aufgabe der filmischen Vergangenheitsbewältigung. Karl Fruchtmann dreht Kaddisch nach einem Lebenden 1969 in Israel für das deutsche Fernsehen, macht seine eigene Verfolgungsgeschichte hingegen weder zum Gegenstand seiner Filme noch seiner Autobiografie.

Die Ausstellung wurde in Kooperation mit dem Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Goethe Universität Frankfurt und mit freundlicher Unterstützung der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf erarbeitet. In einem umfangreichen Begleitprogramm werden in einer Kooperation mit dem Deutschem Filmmuseum Frankfurt - DFF viele der vorgestellten Filme gezeigt.

Ausstellungsort:
Jüdisches Museum Frankfurt

Heute geöffnet: 10:00 – 17:00

  • Museumsticket (Dauerausstellung Jüdisches Museum+Museum Judengasse) regulär/ermäßigt
    12€ / 6€
  • Kombiticket (Wechselausstellung + Museumsticket) regulär/ermäßigt
    14€ / 7€
  • Wechselausstellung regulär/ermäßigt
    10€ / 5 €
  • Familienkarte
    20€
  • Frankfurt Pass/Kulturpass/Geflüchtete
    1€
  • Am letzten Samstag des Monats
    Frei
  • (ausgenommen Teilnehmer gebuchter Führungen)

  • Eintritt nur Gebäude (FLOWDELI/Museumshop/Bibliothek)
    Frei
  •  

  • Freien Eintritt genießen:

  • Mitglieder des Fördervereins

  • Geburtstagskinder jeden Alters

  • Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre

  • Studenten der Goethe-Uni / FH / HfMDK

  • Inhaber von Museumsufer-Card oder Museumsufer-Ticket

  • Inhaber der hessischen Ehrenamts-Card

  • Mitglieder von ICOM oder Museumsbund

  •  

  • Ermäßigung genießen:

  • Studenten / Auszubildende (ab 18 Jahren)

  • Menschen mit Behinderung ab 50 % GdB (1 Begleitperson frei)

  • Wehr- oder Zivildienstleistende / Arbeitslose

  • Inhaber der Frankfurt Card

Link zum Standort Link zum Standort

Bertha-Pappenheim-Platz 1, 60311 Frankfurt am Main

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