Jüdisches Museum Frankfurt am Main

Die Häuser und ihre Bewohner – Alltagsleben in der Judengasse

Logo und Link Museum Judengasse
Logo und Link Familie Frank Zentrum
D | E
facebook
AA
Abteilungen
Museum Judengasse
Die Häuser und ihre Bewohner – Alltagsleben in der Judengasse

Das Foto ist während des Abrisses der Judengasse zwischen 1874 und 1887 aufgenommen worden. Die westliche Häuserzeile ist bereits niedergelegt worden, so dass der Blick auf die übrig gebliebene östliche Zeile frei ist.

Zu erkennen sind die fünf Häuser, deren Kellermauern im Museum erhalten sind. Von links nach rechts sind dies das Haus „Warmes Bad” oder „Klause” mit dem in die Fassade eingelassenen öffentlichen Brunnen, das „Steinerne Haus” sowie die Häuser „Sperber”, „Roter Widder”, „Weißer Widder”.

Das „Warme Bad”, das seinen Namen dem benachbarten „Kalten Bad”, d.h. der Mikwe, verdankte, war mit knapp 4 Metern Breite eines der größeren Wohnhäuser der Judengasse. Seit ca. 1684 war es das Wohnhaus des sog. „Klausrabbiners”, der hier eine Jeschiwa, eine Talmud-Schule, leitete.

Das „Steinerne Haus” war das einzige aus Stein gebaute Wohnhaus der Judengasse und war nach 1717 von dem aus Wien stammenden kaiserlichen Hoffaktor Isaak Nathan Oppenheimer errichtet worden.

Bei den drei benachbarten Häusern, die einen gemeinsamen Dachstuhl besaßen, handelt es sich um typische Wohnhäuser der Judengasse des 17. und 18. Jahrhunderts.


Das „Steinerne Haus”

Reste der älteren Mikwe (1462–1711)

Reste der älteren Mikwe (1462–1711)


Entsprechend den biblischen Vorschriften müssen sich Frauen nach einer Geburt oder nach der Menstruation rituell reinigen.

Dafür ist ein Wasserbecken notwendig, dessen Volumen groß genug sein muss, um komplett darin untertauchen zu können. Es muss mit „lebendigem”, d.h. Grund- oder Regenwasser gefüllt sein.

Der Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert, der ein von einem protestantischem Theologen verfasstes Werk über das Judentum illustriert, erläutert die verschiedenen Phasen des rituellen Bades in der Mikwe:

Eine Frau betritt begleitet von einer Dienerin die Mikwe, löst ihre Haare, entkleidet sich vollständig und taucht dann dreimal im Wasser unter. Die begleitende Frau kontrolliert, dass alle Teile des Körpers von Wasser bedeckt sind.


Fassade des Steinernen Hauses, aus den zur Baugenehmigung eingereichten Unterlagen, 1717

Fassade des Steinernen Hauses, aus den zur Baugenehmigung eingereichten Unterlagen, 1717


Im Keller des „Steinernen Hauses” wurde nach 1717 eine Mikwe angelegt, die wahrscheinlich nur von den Bewohnern des Hauses genutzt wurde.

Die ältere, 1711 zerstörte Mikwe war dagegen von der Gemeinde für alle Mitglieder eingerichtet worden und bis 1602, als eine neue Mikwe an der Synagoge angelegt wurde, die einzige derartige Einrichtung in der Judengasse.

Aus einem Vorraum im Keller des Hauses führte eine Wendeltreppe in das etwa sechs Meter unter dem Straßenniveau befindliche Tauchbecken, das mit Grundwasser gefüllt war. In dem Vorraum, der vermutlich mit einer Heizeinrichtung versehen war, konnte man sich entkleiden, bevor man in die Mikwe hinunterging.


Hochzeit in der Judengasse,  Kupferstich aus Johann Jacob Schudt, „Jüdische Merckwürdigkeiten”, Frankfurt am Main 1717

Hochzeit in der Judengasse, Kupferstich aus Johann Jacob Schudt, „Jüdische Merckwürdigkeiten”, Frankfurt am Main 1717


Die Häuser „Sperber”, „Roter Widder” und „Weißer Widder”

Die Grundmauern der drei Häuser „Sperber”, „Roter Widder” und „Weißer Widder” reichten von der Gasse fast bis an die östliche Ghettomauer heran, die auf dem Foto durch den roten Mörtel zu erkennen ist.

Sie waren nur knapp drei Meter breit, aber ca. 20 Meter lang und nutzten so den geringen zur Verfügung stehenden Raum möglichst vollständig aus. Zudem wurden die kleinen Höfe auf der Rückseite der Häuser noch mit Schuppen und Toilettenhäuschen zugebaut.

Die zahlreichen Nischen in den Wänden sind Relikte von Wandschränken, die mit Metall- oder Holztüren verschlossen waren und zur Lagerung kostbarerer Waren dienten. Sie sind ein Beleg dafür, dass die Häuser nicht nur Wohnräume enthielten, sondern in der Regel auch Verkaufs- und Lagerräume.


Schlafraum im Geburtshaus Ludwig Börnes

Schlafraum im Geburtshaus Ludwig Börnes


Ein Schulmeister im „Roten Widder” unterrichtete hebräisch Lesen und Schreiben. Da Lehrer in der Regel schlecht bezahlt wurden, gehörte er sicherlich zur Unterschicht der Gasse.

Andere Bewohner dieser Häuser arbeiteten als Tagelöhner oder wurden einfach als arm bezeichnet. Insgesamt wurden 1703 zehn Familien in den drei Häusern registriert, besonders dicht war der „Sperber” mit 14 Personen auf ca. 80 Quadratmetern bevölkert.

Das Gemälde von Otto Lindheimer ist kurz vor dem endgültigen Abriss der Judengasse entstanden. Es gehört zu den wenigen Darstellungen eines Innenraums in der Judengasse.

Wie in den meisten Häusern ist aufgrund des knappen Raumes die Küche mit dem Herd im Treppenhaus untergebracht. Die Häuser waren in der Regel sehr dunkel, da nur die Fenster zur schmalen Judengasse oder zu den kleinen Hinterhöfen Licht hineinließen. Im Boden ist eine Falltür eingelassen, die den Zugang zum Keller bildete.


Abwasserkanal vor der östlichen Ghettomauer

Abwasserkanal vor der östlichen Ghettomauer


Das „Warme Bad”

Die Zeichnung von 1712 zeigt die Fassade des „Warmen Bades” oder der „Klause” sowie eine Seitenansicht des Hauses.

Solche Aufrisse mussten nach dem Brand von 1711 bei den städtischen Beamten eingereicht werden, um eine Baugenehmigung zu erhalten. Der Bau selbst wurde dann von christlichen Bauhandwerkern ausgeführt.

In dem in Stein errichteten Erdgeschoss war in die Fassade ein von der Straße aus zugänglicher Brunnen eingelassen. Er gehörte zu den fünf öffentlichen Brunnen der Judengasse, die die Versorgung mit Trinkwasser sicherstellten. Nur wenige Häuser, so das „Steinerne Haus”, besaßen im Keller private Brunnen.

Gegen ein geringes Entgelt brachten Wasserträger das Wasser von den Brunnen zu den Häusern. Sie gehörten zu den ärmsten Bewohnern der Judengasse, besaßen kein ständiges Aufenthaltsrecht und versuchten mit Gelegenheitsarbeiten ihren Lebensunterhalt zu verdienen.


Man schätzt, dass ca. 80% der jüdischen Bevölkerung im Deutschen Reich Ende des 18. Jahrhunderts zu dieser armen Schicht gehörten. Häufig nur kurzzeitig geduldet, vagabundierten diese Menschen von Ort zu Ort.

Die Hauszeichen

Über den Häusern der Judengasse waren Schilder mit figürlichen Darstellungen der Hausnamen angebracht, die in die Gasse hineinreichten. Nach 1711 wurden sie durch Steine ersetzt, die über den Türen eingemauert waren.

Stein mit Hauszeichen des Schlachthauses, nach 1711

Stein mit Hauszeichen des Schlachthauses, nach 1711


Die Hausnamen wurden auch auf den Gittern dargestellt, die über oder neben den Haustüren zur besseren Belüftung der Häuser angebracht waren. Aus vielen dieser Hausnamen entwickelten sich Familiennamen.

Das berühmteste Beispiel sind die Rothschilds, die im 16. Jahrhundert das Haus „Zum Roten Schild” erbauten und diesen Namen auch behielten, als sie in andere Häuser umzogen. Die Hauszeichen wurden von den Frauen als Schmuck getragen und erscheinen auf Chanukkaleuchtern oder Kidduschbechern.

Dies zeigt die große Bedeutung, die der Besitz eines Hauses oder Hausanteils in der Judengasse für die Familien hatte. Er stellte eine der wichtigsten Voraussetzungen dar, ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht in Frankfurt als Jude zu gewinnen.


Grabsteine mit Hauszeichen

Grabsteine mit Hauszeichen


Veranstaltungskalender
Juni 2016 zurück/back weiter/forward
MoDiMiDoFrSaSo
 01020304
05
06
07
08091011
12
13
14
151617
18
19
20
21
22
2324
25
26
27
28
29 
* Jüdische Feiertage
 

Museum Judengasse
Battonnstrasse 47
60311 Frankfurt am Main
Tel.: + 49 (0)69 21270790

Das Jüdische Museum am Untermainkai ist derzeit wegen Renovierung und Umbauarbeiten geschlossen.

Die Postanschrift lautet währenddessen:

Jüdisches Museum Frankfurt
Stadtverwaltung – Amt 45J
Postfach
60275 Frankfurt am Main

Kontakt

Jüdisches Museum
Telefon: +49 (0)69 212 35000
Fax: +49 (0)69 212 30705
info(at)juedischesmuseum.de

Museumsleitung

Dr. Mirjam Wenzel
Direktorin des Jüdischen Museums
Telefon: +49 (0)69 212 38805

Fritz Backhaus
Stellvertretender Direktor,
Ausstellungen, Veranstaltungen
Telefon: +49 (0)69 212 38804
fritz.backhaus(at)stadt-frankfurt.de

Michael Lenarz
Stellvertretender Direktor,
Abteilung Dokumentation
Telefon: +49 (0)69 212 38546
michael.lenarz(at)stadt-frankfurt.de

Daniela Unger
Büro der Direktion / Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Telefon: +49 (0)69 212 38805
daniela.unger(at)stadt-frankfurt.de


Impressum
© ® 1999-2016 Jüdisches Museum
Frankfurt am Main
Letzte Änderung: 15. Januar 2010





Seite empfehlen