Jüdisches Museum Frankfurt am Main

Nachlass Zeilberger

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Dokumentation

Nachlass Ruth Alexander-Zeilberger

Der Nachlass Ruth Alexander-Zeilberger (1915–1979) ist eng verknüpft mit dem Nachlass Hans Julius Wolff. Er ist eigentlich eine Folge von ihm.
Ruth und Hans Julius waren Enkelkinder von Adolf Pinner, und beide standen durch ihre Mütter Frieda Pinner-Alexander und Käthe Pinner-Wolff bis zu ihrer jeweiligen Emigration (und auch später) in einem engen familiären Kontakt. Durch die Erschließung des Nachlasses Hans Julius Wolff entstand der Kontakt zu den Söhnen von Ruth, Doron und Gil Zeilberger, die beide mit viel Enga­ge­ment dazu beitrugen, dass der Nachlass Hans Julius Wolff in wichtigen Teilen und in seinem Zusammenhang analysiert werden konnte.

Dadurch angestoßen übergab Gil Zeilberger im Laufe des Jahres 2012 dem Jüdischen Museum Frankfurt zwei Mappen mit Briefen aus dem Nachlass seiner Mutter Ruth:

Mappe 1 umfasst 65 Dokumente, bestehend aus Briefen und Postkarten, die Ruths in Berlin lebende Eltern Frieda und Paul Alexander in den Jahren 1938/39 an ihre 5 nach Palästina und Südafrika ausgewanderten Kinder schrieben. Diese Briefe sind sowohl ein einzigartiges Zeugnis der innigen familiären Bindungen, als auch eine Möglichkeit für uns Heutige, sich eine Vorstellung zu machen über die Bedrängungen und Schikanen, denen sich die in Deutschland verbliebene Familie ausgesetzt sah. Viele Briefe zeigen uns die seelische Not aller Kinder und auch der Eltern, dass das 6. Kind der Familie, Elisabeth (Bethchen), von keinem Land aufgenommen wurde, weil sie von Geburt an eine Herzerkrankung hatte. Alle 5 Kinder und ihre Partner zeigen, gespiegelt von den Elternbriefen, ihren Kummer, weder Eltern noch Elisabeth zu sich holen zu können. Und die Eltern wiederum können und wollen nicht ohne ihre kranke Tochter Elisabeth emigrieren. Frieda und Paul werden 1942 Opfer des Naziregimes, und im Grunde auch Elisabeth, die diesem Schicksal durch Freitod entgeht, einen Tag vor der Deportation ihrer Eltern. (Zusammenfassung der Briefe)

Mappe 2 ist ein aufregender Fund, den Gil Zeilberger im Sommer 2012 anlässlich eines Besuches in Israel machte. Er fand die durch Mäusefraß stark beschädigte Korrespondenz vor, die seine Mutter Ruth in einem Ordner gesam­melt hatte. Es handelt sich um 220 Dokumente, 152 handgeschriebene und 25 maschinengeschriebene Briefe, sowie um 43 Postkarten, die vorwiegend in der Zeit von 1934 bis 1939 an Ruth geschickt wurden. Aus den Briefen der schon ausgewanderten Geschwister und denen einiger Freundinnen erfahren wir Einiges über die schwere Pionierzeit der deutschen Einwanderer in Palästina. Detailliert schildern die Geschwister in Palästina ihrer Schwester Ruth, was es bedeutet, nach Palästina einzuwandern. Alle Facetten des Lebens werden anschaulich dargestellt, damit sich Ruth keine falschen Vorstellungen vom dortigen Alltag macht. Gerade diese Schilderungen sind es, die uns ein authentisches Bild des Aufbaus dieses jungen Landes geben. Alle Schriftstücke zeichnen sich überdies durch ein hohes sprachliches Niveau aus.

Die Briefe der Familienmitglieder der großen Familie in Berlin, aber auch die der Freundinnen und Arbeitskolleginnen von Ruth lassen ein lebendiges Bild entstehen von Ruth Alexander-Zeilberger. Sie muss schon als Kind ungewöhnlich gewesen sein, denn die Sympathien aller Familienmitglieder fliegen ihr zu. Dies ist besonders in den Briefen von Großmutter Anna Pinner („Omama“) und Tante Käthe Wolff-Pinner zu sehen. Obgleich Ruth die Jüngste der Familie Alexander ist, wird sie oft von ihren Geschwistern um Rat gefragt.

Auch die Eltern geben zu erkennen, wie stark ihre Bindung an Ruth ist und wie wichtig ihnen ihr Urteil ist. Man kann anhand der Briefe der Eltern die allgemeine Entwicklung im Berlin der Nazizeit, wie auch die persönliche von Ruth verfolgen. Dazu sollte man zunächst die Mappe 2 anschauen, die den Zeitraum 1934 bis 1938 umfasst, und danach die Mappe 1, die die Zeit von 1938 bis 1939 erhellt. (Kommentar zu den Briefen der Eltern in Mappe 2, Kommentar zur Krankheit der Schwester Elisabeth-Bethchen)

Aus ihrem Arbeitsumfeld (Israelitische Jugendhilfe München, Israelitisches Waisenhaus Dinslaken u.a.) geben ebenfalls die Briefe der Freundinnen und Kolleginnen Einblick, wie sehr geschätzt Ruth als Jugendleiterin in den jeweiligen Institutionen war. Ausgebildet in diesem Beruf, wanderte sie im Juli 1938 nach Palästina aus, studierte dort Musik und wurde eine engagierte Musiklehrerin. Von 1942 bis 1946 wurde Ruth als Mitglied des „women’s corps of the Palestine unit of the British army“ und als „first sergeant“ in Alexandria (Ägypten) stationiert. Während dieser vier Jahre studierte sie das Orgelspiel bei ihrem Freund William (Harry) Gabb, der später Organist von „Her Majesty’s Chapel Royal“ und Suborganist der St. Paul’s Cathedral war.
Danach ging sie nach Jerusalem und arbeitete dort als Musiklehrerin. 1948 war sie zudem auch Leutnant in den Israelischen Streitkräften. Ihren künftigen Ehemann, den renommierten Pädagogen Yehuda Heinz Zeilberger (1915-1994), lernte Ruth bei einer Party in Tel Aviv kennen, die von der in Israel hoch geachteten und führenden Musiklehrerin Kaethe Jacob gegeben wurde. 1949 heiratete das Paar und zog nach Haifa, wo die Söhne Doron und Gil geboren wurden.
Ruth übte ihren Beruf als Musiklehrerin engagiert und hingebungsvoll bis zu ihrer Pensionierung aus. In den 60er und 70er Jahren setzte sie sich als Erste für die musikalische und rhythmische Unterweisung von behinderten Jugendlichen ein. Damit war sie auf diesem Gebiet eine Pionierin in Israel. Ihre Lehrmethoden wurden später von vielen Musikpädagogen übernommen. Die Briefe gerade dieser Mappe spiegeln die vielfachen Begabungen von Ruth.

Bei Mappe 3 handelt es sich um Briefe, die zwischen 1946 und 1948 an Ruth Alexander von Geschwistern und Freunden geschrieben wurden. Diese Originale übergab Gil Zeilberger im Februar 2013 dem Jüdischen Museum. (Liste der Briefe)

Mappe 4: Im April 2013 übergab Gil Zeilberger dem Jüdischen Museum zwei weitere wichtige Dokumente für den Nachlass seiner Mutter Ruth Alexander-Zeilberger.
Es handelt sich einmal um ein von der jungen Ruth verfasstes Singspiel, das sie als Abschiedsgeschenk im April 1937 der Leiterin des Jüdischen Waisenhauses München überreichte und offensichtlich mit den Kindern dieses Hauses in ihrer Eigenschaft als Kindergärtnerin aufführte. Das 14 seitige Lehrgedicht führt Kinder in die hohen jüdischen Feiertage ein. Das übergebene Original ist in gutem Zustand.
Das Museum erhielt ferner die Fotokopien von zwei Tagebüchern, die Ruth Alexander in den Jahren 1946/47 führte, als sie sich einer Analyse unterzog, die infolge der Traumatisierung durch den gewaltsamen Tod ihrer Eltern und ihrer Schwester während der Schoa nötig wurden.

Das Jüdische Museum Frankfurt dankt Gil Zeilberger herzlich für die Überlassung dieses wichtigen Nachlasses seiner Mutter Ruth.

Karola Nick

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Letzte Änderung: 04. November 2013





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